Punk ist keine Religion

Dokumentation eines Flugblattes, das am 28.11.2014 auf der vom „Forschungszentrum Globaler Islam“ organisierten Konferenz „Salafismus und Jihadismus“ verteilt wurde.

Sozialpädagogische Kummertanten, exzellente Diskursdeppen und moderate Moslems im gemeinsamen Kampf gegen Salafismus

Der täglich aufs Neue gelieferte Beweis dafür, dass der Islam nicht nur die dümmste, sondern auch die gefährlichste aller Religionen ist, führt nicht etwa dazu, dass er überall dort in die Schranken gewiesen wird, wo er mehr sein will als eine private Macke. Im Gegenteil: Je ungehemmter fanatisierte Moslems agieren, desto kleinlauter werden diejenigen, deren Job es wäre, dieses Treiben zu unterbinden. Die Reaktionen auf die antisemitischen Aufmärsche gegen Israel in den vergangenen Wochen dokumentieren das institutionenübergreifende Scheitern. Die Polizei verhinderte die Krawalle und die Volksverhetzungen nicht, sondern beförderte sie wie in Frankfurt, wo Beamte dem Mob einen Lautsprecherwagen zur Verfügung stellten, um für „Deeskalation“ zu sorgen. Politiker warnten derweil vor „Gewaltspiralen“ und beinahe alle waren sich einig, dass die arabisch-türkische Jungmännerwut in Anbetracht israelischer „Kriegsverbrechen“ zu verstehen sei.

Das darin zum Ausdruck kommende Verständnis ist nicht nur auf den Respekt vor den Anhängern einer Religion zurückzuführen, die in Windeseile zum Lynchmob mutieren, sobald sie sich beleidigt wähnen. Der politisierende Moslem geht gegen all das auf die Barrikaden, was man auch hierzulande verabscheut: die USA, die Juden und die Zumutungen einer missratenen Zivilisation. Auch viele Europäer fühlen sich vom protokollierten Wahnsinn des „Propheten“ und den Verheißungen der dschihadistischen Propaganda dazu ermutigt, ihre Allmachtsvorstellungen in die Tat umzusetzen und die „Ungläubigen“ für ihr Elend büßen zu lassen. Während nicht wenige sich in die politischen Abgründe des Islam mithin bestens einfühlen können, dient ein auf Links gezogener Ethnopluralismus selbsternannten Antirassisten dazu, potentielle Konkurrenten guten Gewissens auf Distanz zu halten, indem man sie in ihre jeweilige Abstammungsgemeinschaft einsperrt, als Ausweis von Toleranz und Weltläufigkeit vor sich her schiebt oder als willkommenen Farbtupfer im grauen Großstadtalltag konsumiert. Das außenpolitische Desaster korrespondiert dergestalt mit einem Multikulturalismus im Innern, der all jenen Muslimen in den Rücken fällt, die ein selbstbestimmtes Leben führen wollen und die vor religiösem Tugendterror und den Anmaßungen des Kollektivs Schutz suchen.

Aufregung kommt im pazifizierten Karneval der Kulturen erst auf, wenn die Gewalt der Familienrackets durch islamistische Killer getoppt wird und man selbst ins Visier des islamistischen Volkssturms zu geraten droht. Seitdem die Schlächter des „Islamischen Staates“ mit Massenentführungen und kulturindustriell aufbereiteten Hinrichtungsvideos für Schlagzeilen sorgen und dem Betrachter vorm Bildschirm zu verstehen geben, dass es auch ihn treffen könnte, ist selbst den toleranteren Zeitgenossen klar geworden, dass Islam nicht Frieden bedeutet. Doch während Hooligans aus Parteipolitik und Fußballstadien am liebsten alle Salafisten abschieben würden, damit das Blut woanders fließt und auf diesem Weg ihre Bereitschaft zur Beihilfe zum Massenmord kundtun, rufen die zartfühligeren Ideologen auf der anderen Seite nach noch mehr Dialog. Für die offiziellen Vertreter des Islam ist das politische Trauerspiel ein Glücksfall: Auf die bornierten Heimatschützer kann gezeigt werden, wenn interessiertes Gejammer über „Islamophobie“ ansteht. Diejenigen, die ins verbandsislamische Geheul einstimmen, sind als nützliche Idioten willkommen. Im Gegenzug gibt es ein paar betroffene Worte gegen die bewaffneten Glaubensbrüder, während im selben Atemzug der wahre und angeblich friedfertige Islam beschworen wird. So auch beim Frankfurter Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam, deren Vertreter sich „zutiefst bestürzt über die aktuellen Ereignisse im Nahen Osten und über den Terror, den der sogenannte ‘Islamische Staat‘“ verübt, zeigen, nur um sogleich die „zivilisatorischen Normen“ hervorzuheben, „für deren Herausbildung auch der Islam eine wichtige Rolle gespielt“ habe – als ob liberale Auslegungen desselben von Hardlinern nicht zu Recht als unislamisch bezeichnet würden.[1] Was professionelle Islampromoter den militanten Eiferern der reinen Lehre verübeln, ist, dass diese der Welt die Abgründe des eigenen Glaubens vor Augen führen und so die Mär vom toleranten Islam Lügen strafen. Sie verhalten sich nicht anders als Politiker, die angesichts brennender Asylbewerberheime um das Ansehen der Nation bangen und nichts Besseres zu tun haben, als den gesunden Patriotismus vom Chauvinismus der Extremisten abzugrenzen.

Sozialpädagogische Kummertanten

Während auf politischer Ebene der Runde Tisch für chronisch beleidigte Verbandsmoslems bereitsteht, gibt es in Hessen für diejenigen, die den Koran wörtlich nehmen und die Reisepläne für Syrien in der Schublade haben, neuerdings verhaltenstherapeutisch aufgemotzte Kummertantenpädagogik. Angesichts des stetigen Anwachsens der hessischen Salafistenszene, die schon einige Kämpfer erfolgreich nach Syrien vermitteln konnte, angesichts der Erstürmung einer Kunstausstellung, die zum Unmut islamischer Marodeure den Koran zeigte und nicht zuletzt wegen des fortdauernden Pöbelns und Drohens durch junge Islamisten in Frankfurter Jugendhäusern, von denen eines im Gallus nach kontinuierlicher Einschüchterung der Mitarbeiter zwischenzeitlich geschlossen werden musste, hat die Lokalpolitik beschlossen „neue Wege“ zu gehen. Dabei wird die gebotene Intensivierung der polizeilichen und sicherheitspolitischen Maßnahmen von einer an Sinnlosigkeit und Peinlichkeit kaum zu überbietenden Dialogoffensive flankiert, die erkennen lässt, dass man den „Salafismus“ als jugendliche Anpassungsstörung interpretiert, die sich von einer vermeintlich unproblematischen Orthopraxie fein säuberlich trennen lasse. Anstatt Maßnahmen zu ergreifen, die tatsächlich dazu taugen könnten, der systematischen Gewalt, die vom Alltagsislam ausgeht, ernsthaft etwas entgegenzusetzen – wie beispielsweise die Durchsetzung des Kopftuchverbots an Schulen – glaubt man, durchgeknallte Islamisten mit möglichst viel Islam und möglichst viel Akzeptanz besänftigen zu können. Dass es bei der neu aufgelegten Etablierung von akzeptierender Sozialarbeit gegen potentielle Massenmörder längst nicht nur darum geht, islamistisch angefixte Jugendliche vom Schlimmsten abzuhalten, sondern immer auch darum, den Islam gegen sein schlechtes Image zu verteidigen, verdeutlichte der interkulturell schleimende Innenminister Peter Beuth Ende Juli bei der Vorstellung des Hessischen Präventionsnetzwerks gegen Salafismus: „Wir überlassen das Feld nicht den Angehörigen der salafistischen Szene, die Jugendliche mit ihren extremistischen Ansichten verführen und damit auch dem öffentlichen Bild des Islam in Deutschland Schaden zufügen“.

Um die Angriffe gegen das Bild des Islam in Deutschland abzuwehren, gibt es seit einigen Wochen in Frankfurt Bockenheim, wo mit der Abwanderung der Universität neue Orte der Begegnung frei geworden sind, die bundesweit erste Beratungsstelle gegen Salafismus. Das Projekt wird vom Violence Prevention Network bewerkstelligt, einem Verein, der bisher damit glänzte, Rechtsextremen dialogorientiert hinterherzudackeln und der nun aus betriebswirtschaftlicher Weitsicht in Richtung Salafisten-Betreuung expandiert. Was die Violence Prevention-Networker zu bieten haben, ist „Deradikalisierung“ durch „respektvolle dialogische Kommunikation“: „Das pädagogische Konzept beruht auf einem explizit nicht-konfrontativen Ansatz. Akzeptanz und der Verzicht auf Demütigung dienen dazu, Verstehen – nicht Verständnis – zu ermöglichen und Handlungen zu erklären – nicht zu rechtfertigen. […] Zentral ist in diesem Zusammenhang das Beziehungsangebot. Damit dieses Beziehungsangebot in einer Verhaltensveränderung resultieren kann, erfolgt ein curriculares Training, das Elemente aus lernpsychologischen Ansätzen, dem Kognitivismus und der humanistischen Psychologie beinhaltet und durch die Einbeziehung von Personen aus dem familiären und sozialen Umfeld einem systemischen Handeln entspricht.“ Die Einsicht, dass Erziehung Grenzen hat, wird hier durch einen therapeutischen Eklektizismus verbaut, der auf den abgeschmacktesten Sprüchen aus der Kramkiste der positivistischen Psychologie basiert. Weil die nicht-konfrontierende akzeptierende Sozialarbeit dadurch anrüchig geworden ist, dass sie ihr Klientel durchs Betüddeln und Teebekochen ideologisch eher stärkt als schwächt, ihre Verfechter aber vom dialogfixierten Rankumpeln nicht lassen können, wurde der alte Ansatz kurzerhand mit dem Stoff aus denjenigen Psycho-Theorien aufgehübscht, die beim ideologischen Pädagogisieren und Psychologisieren gesellschaftlicher Destruktivität noch nie fehlen durften. Aus der humanistischen Psychologie entlehnt man das matte Geschwätz von freier Persönlichkeitsentwicklung, aus der Systemtheorie den Glauben an die heilende Kraft der Familienbande und aus den Lerntheorien die besten Tricks fürs sozialverträgliche Umpolen. Wer so schreibt wie die Dialogtrainer vom Prevention-Network hat in erster Linie ein geschäftliches Interesse, dessen Hokuspokus nur deswegen nicht auffliegt, weil die Abnehmer solcher Programme, die in erster Linie aus der Kommunalpolitik kommen, in Sachen Pädagogik noch ahnungsloser sind. Einen Haken hat der wohlklingende Motivations-Mischmasch vor allem deswegen, weil es beim Entdecken von Ressourcen und Entwickeln von Handlungsalternativen nicht darum geht, dem pubertierenden Niklas aus dem Frankfurter Nordend beizubringen, dass er ein bisschen weniger kiffen und etwas lieber zu Mama Ute sein soll. Man muss kein Schwarzseher sein, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass Islamisten gleich welchen Alters keine verlorenen Sensibelchen sind, die aus Langeweile oder Anerkennungsmangel auf Subkultursuche gegangen sind und nur aus purem Zufall in der lokalen Bartträgerbande gelandet sind. Es handelt sich um narzisstisch deformierte Sadisten, deren Destruktivität eine Gefahr für alle darstellt, die als “Ungläubige” identifiziert werden. Wer sich in jungen Jahren nicht von Ryan Gosling oder Scarlett Johansson, sondern von Denis Cuspert aka Abu Talha al-Almani angeilen lässt und beim Anblick von Menschen, die in Todesangst ins Hinrichtungsvideo gezerrt wurden, keinen heftigen Widerwillen verspürt, sondern auf die Idee kommt, den Mördern nachzueifern, ist kein Fall für die Kumpelpädagogik. Diesen Leuten ist nicht mit Fürsprache oder Beziehungspflege beizukommen, und ihre Kälte ist ein gesellschaftliches, kein pädagogisch in den Griff zu bekommendes Problem. Wenn es etwas gibt, das sie beeindruckt, dann ist es Autorität. Man hat es mit Menschen zu tun, „bei denen die Würfel bereits ausgespielt sind, vielfach mit solchen, für deren besondere Persönlichkeitsstruktur es charakteristisch ist, daß sie in einem gewissen Sinn verhärtet, nicht eigentlich der Erfahrung offen sind, nicht recht flexibel, kurz: unansprechbar. Diesen Menschen gegenüber, die im Prinzip selber lieber auf Autorität ansprechen und die sich in ihrem Autoritätsglauben auch nur schwer erschüttern lassen, darf auf Autorität auch nicht verzichtet werden.“[2]

Während gegenüber denjenigen, bei denen die Würfel gefallen sind, auch in pädagogischer Hinsicht alle rechtsstaatlichen Machtmittel zu nutzen sind, besteht die entscheidende Aufgabe darin, den Islam möglichst als genauso boshaftes wie lächerliches Verdummungsprogramm kenntlich zu machen. Wer gegen die islamischen Hetzmassen etwas Sinnvolles tun möchte, trägt daher besser zur Herabsetzung und Verspottung ihrer Idole und Glaubensinhalte bei und sorgt dafür, dass den Aufmuckenden in Erinnerung bleibt, dass die Witzfigur Mohammed ein „perverser Tyrann“ (Ayaan Hirsi Ali) war, der seinem vertrottelten Anhang ein Buch hinterlassen hat, dessen intellektuelles Niveau – aller Koranwissenschaft zum Trotz − von jedem Pornodialog überstrahlt wird, und dessen Botschaften dorthin gehören, wo der Münsterländer Manfred H. sie vor fast 10 Jahren hingedruckt hatte und dafür vom Amtsgericht Lüdinghausen auf Grundlage des § 166 StGB zu einer einjährigen Haftstrafe auf fünfjährige Bewährung und 300 Sozialstunden verurteilt wurde: auf Klopapier.

Exzellente Diskursdeppen

Während die Pädagogen auf Beziehungspflege und zwischenmenschliche Kommunikation setzen, kommt dem akademischen Betrieb die Aufgabe zu, den staatlichen Programmen ein paar Daten und das nötige Hintergrundwissen aus der Länder- und Genderforschung zu liefern. Soziologen und Politologen früherer Jahre mussten vor allem nüchterne Zahlen und ermüdende Statistiken bereithalten und beim Auswerten empirischer Daten relativ wenig Ideologie produzieren. Der geisteswissenschaftliche Forscher neueren Typs dagegen ist notorisch darum bemüht, unverzichtbar zu klingen und Lösungen anzubieten. Mehr denn je dazu genötigt, die Wichtigkeit seines Tuns fürs gesellschaftliche Ganze auszuweisen, stellen die neueren sozial- und politikwissenschaftlichen Forschungsprodukte eine Mischung aus drögem Fachjargon, Drittmittelbettelei und politisch korrektem Demokratieklamauk dar. Kein Wunder also, dass das Exzellenzcluster Herausbildung normativer Ordnungen, das die Ohren stets gespitzt hat, um der normativ zerrütteten Welt die neuesten Konflikttrends abzulauschen, nicht fehlen darf, wenn Frankfurts Institutionen gegen Salafismus mobil machen. Als Forschungsunternehmen, das gerne dick aufträgt, wenn es um die eigene Fachkompetenz geht, ist die islamistische Kriegserklärung ein willkommener Anlass das Institutsfähnchen in den Wind zu hängen. Folgerichtig lädt man zur Konferenz „Salafismus und Jihadismus“. Es ist eine dieser Konferenzen für Akademiker, die zwecks Lebenslauftuning ein paar Sonderschichten im Konferenzbusiness einzulegen haben, deren auf wichtig frisiertes Tagesprogramm nicht verhindern kann, dass der inhaltliche Leerlauf regelmäßig eine Langeweile erzeugt, die nur von weichgekochten Betriebsnudeln munter ertragen wird.

Dass das Anzetteln einer solchen Konferenz weder Ahnung vom Thema noch ein kritisches Verhältnis zum Gegenstand voraussetzt, zeigt sich unter anderem daran, dass mit Susanne Schröter eine Organisationsleitung Dienst tut, die bereits in der Vergangenheit mit beeindruckenden Einschätzungen glänzte: „Ich finde, dass die jungen Salafisten in vielerlei Hinsicht Gemeinsamkeiten mit dem Punk haben, auch wenn das wohl beide Seiten nicht gerne hören“.[3] Auf die absurde Idee, potentielle Massenmörder mit Leuten zu vergleichen, die alleine deswegen mit islamischem Tugendterror wenig zu schaffen haben, weil sie rotzige Musik hören und am liebsten besoffen sind, und die in der Regel niemandem außer vielleicht der eigenen Gesundheit und den Nerven ihrer Eltern einen Schaden zufügen, kann man nur im bereits fortgeschrittenen Stadium professioneller Verblödung kommen.

Auch das Forschungsprogramm des „Exzellenzclusters“, das mit einer Mischung aus Habermas und Foucault den theoretischen Rahmen vorgibt, kann an diesem Eindruck nichts ändern.[4] Die Verfasser distanzieren sich vom Funktionalismus marxistischer und systemtheoretischer Provenienz und betonen die Eigendynamik und Macht des Diskurses, weshalb sie gesellschaftliche Konflikte als „Streit um Rechtfertigungen“ und deren Prozeduren zu analysieren gedenken. Die einzige „idealistische Versuchung“ der nachzugeben man sich erlaube, besteht in der von Habermas übernommenen Überzeugung, „dass auch noch so einseitige und parteiliche normative Ansprüche gleichzeitig von einem Verlangen nach Rechtfertigung getragen sind, das auf Prozeduren einer wie schwach auch immer begründeten rationalen Überzeugungsbildung unter Gleichen zielt.“ Im Universum von Rainer („The Power of Tolerance“) Forst, dem „Principle Investigator“ des Clusters und Markus Lanz der Kritischen Theorie, sind alle Menschen „Rechtfertigungswesen“, also geborene Habermasianer. Mit der Diskursethik von Habermas teilen Forst und Co. den Glauben an die Ethik der Rede und die Kraft des zwanglosen Zwangs des besseren Arguments sowie das Interesse für eine „höherstufige normative Ordnung der Austragung von Konflikten zwischen normativen Ordnungen“, die in Zeiten der „Globalisierung“ und konkurrierender „Rechtfertigungsnarrative“ die Spielregeln für eine demokratische Weltordnung liefern könne.

Das „Rechtfertigungsnarrativ“ des Exzellensclusters besteht mithin darin, durch die Analyse des rationalen Kerns normativer Auseinandersetzungen ein universelles Verfahren der politischen Konfliktlösung auszutüfteln, sprich: die wissenschaftliche Denkform oder das, was von ihr übrig ist, zum Modell der Verbesserung der Welt zu erheben, deren bewusstloses Plagiat sie ist – einer Welt, in der der aufgeklärte Zweifel statt als Selbstreflexion dogmatischer Voraussetzungen nurmehr als „Gegen-Narrativ“ gilt und von Wahrheit höchstens in einem formalen, prozeduralistischen Sinn die Rede ist. Als Theorie des rationalen Wettstreits der Meinungen, die an die Stelle des kategorischen Imperativs von Kant und Marx das Verfahren der moralischen Argumentation setzt, reproduziert das Forschungsprogramm die herrschende Logik des Neoliberalismus, die spätestens mit der Exzellenzinitiative auch in den Hochschulen zur Geschäftsgrundlage geworden ist und den Elfenbeinturm endgültig in ein Laufhaus für Gedanken verwandelt hat, in dem der zum Anschaffen von staatlichen Fördergeldern und Drittmitteln verdammte homo academicus sein prekäres Dasein fristet.

Dass der Geisteswissenschaftler zumeist nur den gesellschaftlichen Verhältnissen, in die es ihn verschlagen hat, nachdenkt, wenn er nachdenkt, hört dieser nicht gerne. „Autonomie des Geistes“ und „Macht der Verständigung“ heißen die zentralen Dogmen, in welche die normative Ordnung der im Exzellenscluster vereinten Diskursdeppen eingebettet ist. Im Vereinsjargon ausgedrückt handelt es sich um „historisch und lokal geprägte[n], durch die jeweiligen Erfahrungsräume und Erwartungshorizonte der Beteiligten bestimmte Erzählungen, Handlungen oder Rituale, welche die rechtfertigenden Gründe einer normativen Ordnung wie eine Tatsache erscheinen lassen, einen Sachverhalt, dessen Existenz man hinnimmt, aber nicht in Frage stellt“, weil dies als „Infragestellung einer ganzen Lebensform mit dem Risiko des kollektiven Identitätsverlusts“ wahrgenommen würde. Die Erkenntnis, die man aufgrund drohenden Identitätsverlusts scheut, lautet, dass die objektive Funktion des Geisteswissenschaftlers darin besteht, den gesellschaftlichen Verhältnissen den Geist anzudichten, den sie eingebüßt haben.

Die Dialektik der Aufklärung vollzieht sich, wie schon die bürgerliche Kulturkritik von Nietzsche und Weber registrierte, innerhalb der Bildungsinstitutionen als Verwandlung von Wissen in eine Ware und von Universitäten in Fabriken für geistlose Fachidioten, die im Zweifelsfall das Know-how für den Bau von Bomben oder die rationale Begründung für den Massenmord liefern. Die jüngste Universitätsreform ist der vorläufige Höhepunkt dieser Erziehung zur Barbarei, die alle gesellschaftlichen Institutionen zum Zweck der Zukunftssicherung des Wirtschaftsstandortes dem Irrsinn der Kapitalakkumulation unterwirft und die Bildungseinrichtungen in auf dem Wissensmarkt konkurrierende Dienstleistungsbetriebe verwandelt. Gefragt ist, wer sich erfolgreich in den Tauschwert hineindenkt, wer ein Gespür für intellektuelle Moden entwickelt und sich dabei selbst zu vermarkten weiß. Was unter diesen Bedingungen bleibt, ist eine geisteswissenschaftlich-positivistische Soziologie, die sich die gesellschaftliche Irrationalität sinnverstehend zueignet, oder die wissenschaftliche Produktion von sozialem Kitt, die mit der Tradition der kritischen Gesellschaftstheorie kokettiert, um sich der Politik in psychokratischer Funktion als Berater anzudienen und jeden Konflikt zum Anlass nimmt, das eigene „Forschungsdesign“ als Erklärungs- und Lösungsmuster zu reklamieren. Ob das Kind auf den Namen Verständigung oder Anerkennung hört, ist sekundär. Stets geht es darum, die Überbleibsel objektiver Vernunft in den Dienst des irrationalen Ganzen zu stellen und den Wahnsinn einzudämmen, ohne an dessen Grundlage zu rühren – sei es dadurch, dass man sich der Rationalität moralischer Auseinandersetzungen versichert oder indem man den Markt als Anerkennungsordnung rekonstruiert.    

Eine wissenschaftliche Gesinnung, die den Begriff der Wahrheit als metaphysischen Ballast abgeworfen hat und sich mit der Herstellung klassifikatorischer Systeme begnügt, in die sich das Beobachtete elegant einordnen lässt, ist nicht selten, wie Adorno formulierte, „noch dem Wahn gegenüber aufgeschlossen“. Das zeigt sich nicht nur am verbreiteten Interesse für Astrologie, Feng-Shui und anderen esoterischen Humbug, sondern auch am Verständnis, das von der Säkularisierung enttäuschte Zeitgenossen dem Islam entgegenbringen und das im akademischen Milieu ebenso grassiert wie anderswo. Auch für Rainer Forst, der sich als Toleranz-Theoretiker einen Namen gemacht hat, gilt es Nachsicht zu üben, solange man es mit einem vernunftbegabten und diskussionswilligen Gegenüber zu tun hat, das zwischen Glauben und Wissen zu unterscheiden weiß und nicht allzu intolerant daherkommt.

Der naive Glaube, wonach die Vernunft bei der Mehrheit über den Wahn notwendig triumphiere, ist diesem nur allzu ähnlich. Diese Einsicht hat Benjamin Netanjahu den Organisatoren der Konferenz „Salafismus und Jihadismus“ voraus. Während die deutschen Salafismus-Theoretiker im Einklang mit dem antisemitischen Konsens behaupten, „der israelische Krieg in Gaza verursachte antisemitische Gewalt in Europa“, stellte der israelische Ministerpräsident vor der UN-Vollversammlung, die sich in der Vergangenheit nicht lumpen ließ, wenn es darum ging, Israel an den Pranger der Völkergemeinschaft zu stellen, klar: „Wir hören heute in Europa, wie der Mob danach ruft, Juden zu vergasen. Wir hören wie führende Politiker Israel mit den Nazis vergleichen. Dies ist nicht das Ergebnis der israelischen Politik. Es ist ein Ergebnis kranker Hirne. Und die Krankheit hat einen Namen. Sie heißt Antisemitismus.“ Aber mit der Kritik des Antisemitismus und seiner gesellschaftlichen Grundlage haben die Veranstalter der Konferenz nichts am Hut. Indem sie in den Zwischenzeilen ihrer Globalanalysen im demokratisch korrekten Jargon unterstellen, dass die israelischen Verteidigungsmaßnahmen die Ursache für die Pogromstimmung auf europäischen Straßen seien, und damit den Antisemitismus als wirklichen Grund der Gewalt exzellent ausblenden, reihen sie sich vielmehr als akademischer Flügel in das wahnsinnige Bündnis derer ein, die Israel als größte Bedrohung des Weltfriedens ausgemacht und die Verfolgung des eingebildeten Weltunruhestifters aufgenommen haben. Der Judenhass militanter Islamisten, der ihnen freilich eine Spur zu weit geht, ist ihnen nur eine willkommene Gelegenheit, um Staat und Zivilgesellschaft vom Nutzen ihrer Forschung zu überzeugen und die fortdauernde Akquisition von Fördergeldern sicherzustellen. Kein Zufall, dass man just in dem Moment, da Bürgerkriegsrückkehrer und der organisierte Salafismus vom Souverän als sicherheitspolitisches Problem ausgemacht werden und den Scheinfrieden des bundesrepublikanischen Völkerzoos bedrohen, mit der Neugründung eines „Forschungszentrums globaler Islam“ aufwartet und sich als Berater für „staatliche so wie zivilgesellschaftliche Akteure“ bewirbt.


[1] Alle Zitate: http://www.uni-frankfurt.de/51847589/Stellungnahme

[2] Adorno: Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute (1962). In: Kritik, Kleine Schriften zur Gesellschaft, S. 110, Frankfurt 1971.

[3] Sind Salafisten die neuen Punks? In: http://www.fr-online.de/wissenschaft/konferenz-zum-islam-sind-salafisten-die-neuen-punks-,1472788,25613812.html

[4] http://www.normativeorders.net/de/?option=com_publication&view=publication&id=983.