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Veröffentlicht am 25. Februar 2006

„Die meisten Aktionisten sind humorlos auf eineWeise, die nicht weniger beängstigt als der Mitlacher-Humor anderer. Der Mangel an Selbstbesinnung rührt nicht nur von ihrer Psychologie her. Er markiert Praxis, sobald sie als ihr eigener Fetisch zur Barrikade vor ihrem Zweck wird. Desperat ist die Dialektik, daß aus dem Bann, den Praxis um die Menschen legt, allein durch Praxis hinauszugelangen ist, daß sie aber einstweilen zwangshaft als Praxis am Bann verstärkend mitwirkt, dumpf, borniert, geistfern.“
Der „unvermeidliche“ T.W. Adorno

Mein Flügel ist zum Schwung bereit ich kehrte gern zurück denn blieb’ ich auch lebendige Zeit ich hätte wenig Glück. Gerhard Scholem, Gruß vom Angelus Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgepannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.
Walter Benjamin, „unvermeidliche“These IX

Antifaschismus an sich …“

Unter „Ritual“, so ist in einem Wörterbuch der Soziologie zu lesen, sei eine „expressiv betonte Handlung mit großer Regelmäßigkeit des Auftretens in gleicher Situation und immer gleichem Ablauf“ zu verstehen. Das Ritual ist die adäquate Praxisform einer jeden Bewegung, die vom verbalradikalen Impetus in Zeiten konterrevolutionärer Persistenz nicht lassen kann. Nichtige Anlässe, die willkürlich bestimmt werden können, fungieren deshalb immer wieder als produktiver Scheingrund des bewegten Tuns.

Einige der ProtagonistInnen des Bewegungsantifa-Konzeptes, welche spätestens im Jahre 2000 von den Anständigen der postfaschistischen Republik die Sinnlosigkeit und den affirmativen Charakter ihres Anliegens vor Augen geführt bekommen hatten, beendeten das ewige Weiter-So, hörten auf oder überdachten ihre bisherige Praxis. Die meisten machten weiter wie bisher. Entweder durch je spezifische Fusion mit dem offiziellen Staatsantifaschismus oder durch Realisierung des Verlangens nach Triebabfuhr an den Demo-Wochenenden, gelegentlich auch in erweiterter flugblattförmiger Sublimierung. Was den disparaten Grüppchen, die am Bewegungskonzept festhalten an Gemeinsamkeit geblieben ist, kommt im bekennenden oder verstohlenen Blick auf die Massen, auf deren Zuspruch man trotz aller Kränkungen erpicht ist, zum Ausdruck. Die Bereitschaft mit fast allem, was irgendwie links daherkommt, Bündnisse zu initiieren, entspringt diesem innigen Bedürfnis, einer Sammlungsbewegung zuarbeiten zu dürfen. Weil durch das Denken in mystifizierten Quantitäten hier jedwedes Potential, das aus qualitativer Arbeit am Begriff entwickelt werden könnte, vollständig affiziert und es der Jargon ist, der dieser Form den notwendig falschen Schleier verpasst, gilt es, gemeindeinterne Kritik, die schärfer sein müsste als die üblichen pädagogisierenden Ermahnungen, tunlichst zu vermeiden. Ein Bruch bleibt jedoch auch dann noch aus, wenn bewusste Vermeidung die eigene Praxis ad absurdum führt (1).

Für entscheidende Teile der übriggebliebenen Bewegungs-Antifa ist wichtig geworden, das Programm zu erweitern. Ganz oben auf der Aktionsliste stehen nun nicht mehr vordergründig die langweiligen Recherchetouren zwecks Erweiterung der Kenntnisse über lokale Nazitrottel, oder, wie in besseren Zeiten der Ausflug in Landstriche mit hoher Nazidichte, sondern große Themen, wie „Globalisierung“, „Standortnationalismus“, „innere Sicherheit“ oder „Kapitalismus“. Was als begrüßenswerte Perspektivenerweiterung betrachtet werden könnte, verkommt jedoch unter dem selbstgesetzten Zwang, politikfähig sein zu müssen, zur Farce. Die Demonstration „Luxus für Alle – Gegen den Opernball“, die von der „antifa f“ aus Frankfurt organisiert wird, steht im Zeichen dieses Transformationsprozesses.

Weil der „Deutsche Opernball“ „mit illustren Gästen der sogenannten Elite aus Politik und Wirtschaft“ stattfände und diese es sich überdies nicht nehmen ließe, „den Abbau sozialer Rechte und die Aufrüstung…“ zu befeiern, gelte es, „mal wieder“(!), dagegen zu sein, um „wider die innere Aufrüstung im Besonderen und den Standort Deutschland im Allgemeinen“ (2) aufzurufen. Obgleich man wohl die „Elite“ und nicht deren Gäste treffen wollte, gibt diese Eingangssequenz Auskunft über die politischen Vorstellungen der VeranstalterInnen und ihres Publikums: Die Gäste des Opernballs fungieren als Symbole des nationalstaatlich organisierten Kapitals und dessen Staat. Warum nun gerade die erwarteten 2300 Gäste des Opernballs die Auserwählten sein sollen, kann entweder verschwörungstheoretisch oder dadurch erklärt werden, dass der unbedingte Vorrang des Anlasses zwecks Handlungsfähigkeit gilt. Letzteres ist anzunehmen von einer Gruppe, die bisher keine Verschwörungstheorien, sondern folgendes publiziert hat: „Zusammenfinden, das wäre gleich in zweifacher Hinsicht nötig: Einmal, um als progressive Fraktion handlungsfähig zu werden und gegen die reaktionäre Formierung dieser Gesellschaft … auch über den lokalen Rahmen hinaus zu Potte zu kommen. Zum Zweiten ist eine punktuelle Zusammenarbeit mit allen Linken zu suchen, mit denen dies vernünftig möglich ist. Kriterium linksradikaler Arbeit ist schließlich die Wirksamkeit in der Praxis. Aufgabe wäre es also, … um wieder zusammenarbeiten zu können und voran zu kommen …“ (3)

Die Losung lautet: Ärmel aufkrempeln, zupacken, aufbauen. Das Gefühl beschwingter Einsatzfreude mag sich auf die linken LeserInnen, denen die Sache alles ist, übertragen; beim kritischen oder bloß aufmerksamen Lesen solcher Zeilen gewinnt man jedoch unweigerlich den Eindruck, dass die geforderte Kollektiv-Praxis dazu angetan ist, eine Reflexion der konstitutiven Bedingungen ebenjener Praxis zu vermeiden. So lange diese immergleiche, geschichts- und erfahrungsresistente Form fetischistischen Politikmachens vorherrscht, wird kein Begriff vom ausgesuchten Gegenstand entwickelt werden können. Eben weil man fortfährt in Kategorien zu denken, deren Destruktion die Voraussetzung dafür wäre, Reflexionen auf die Objektivität entwickeln zu können, welche das Verhaftetsein an den Erscheinungsformen gesellschaftlicher Verhältnisse zu durchdringen vermögen, ohne der Illusion zu erliegen, von einem Standpunkt außerhalb des Ganzen denken oder erkennen zu können.

Bewahrung des Immergleichen: Fortschrittsglaube und Betriebsamkeit

Sehr oft spricht die „antifa f“ von Revolution, progressiver Veränderung und dergleichen. Das hat sicherlich etwas mit jenem spezifischen Jargon zu tun, mit dem sich Autonome angesichts der konkret erfahrenen Tristesse immer schon einen Hauch von Abenteuerlichkeit und Schweinebucht-Feeling verpassen wollten. Daran allein wäre nichts auszusetzen. Es gibt schließlich gute Gründe, den Alltag trickreich zu begehen. Der hektische Optimismus, der diesem bemühten Jargon vorgängig ist, verweist jedoch darauf, dass die Autonomen nie wirklich über die deutsche Sozialdemokratie hinausgekommen sind und impliziert schlichte Erfahrungsresistenz gegenüber Geschehenem (4). Den Worten Joachim Bruhns „Nach der Wannsee-Konferenz ist jede Rede vom Klassenkampf nur Beschönigung und Verdrängung der Geschichte“, ist ohne Einschränkung zuzustimmen. Ebenso wird Geschichte verdrängt, wenn getan wird, als wäre das Ausbleiben der Revolution ein bedauerlicher Fehllauf, den es nur wieder auf Kurs zu bringen gelte. Das Schicksal der Klasse hat sich endgültig erledigt: die Volksgemeinschaft ist der entsprechende Gruß an die Theoretiker der Revolution. Wer das wiedergutgewordene Kollektiv der Deutschen immer noch als Adressat einer Revolution einsetzt, verhöhnt die Opfer des bereits verwirklichten Engagements der VolksgenossInnen im Zeichen der Revolte und handelt sich den Vorwurf unbelehrbarer Schönrednerei ein: Antisemitismus scheint als Denkform und Wesenskern des Nationalsozialismus die „antifa f“ nicht sonderlich zu interessieren. Diesbezüglich dominiert, abgesehen von den üblichen Platitüden, beredtes Schweigen. Weder benennt man das deutsche Mörderkollektiv beim Namen, noch verhält man sich zur momentan größten antisemitischen Massenbewegung, deren global agierende Jagdmeuten derzeit vor westlichen Botschaften randalieren, noch spricht man aus, dass eine negative Aufhebung des Kapitals, die zwar der kapitalimmanenten Dynamik entwächst, diese aber in neue, unmittelbarere Formen presst, die barbarische Alternative zum falschen Ganzen darstellt.

Dabei ist das je individuelle oder auch gruppenspezifische Verhältnis zur Revolution nicht nur eine Frage des Charakters, sondern auch eine des kritischen Vermögens. Das fröhliche Verkünden des Systemwechsels verdrängt qua seines ungebrochenen Geschichtsoptimismus nicht nur die real gewordene Gestalt des Nationalsozialismus, sondern demonstriert darüber hinaus konsequent den Verzicht auf eine kritische Theorie des Subjekts, obgleich von Einzelnen – darin unterscheidet man sich von unsympathischeren Linken – gesprochen wird.

Dialektik der Begründung

Die „antifa f“ weiß selbst nicht so recht, was sie will. Die radikale Linke habe Gutes geleistet, als sie, ganz im Geiste Hegels, feststellte, dass „‚das Volk’ und ‚die kleinen Leute’ keineswegs an sich die Guten“ (5) seien und der „verkürzten Kapitalismuskritik“ entschlossen entgegentraten, um sodann erkennend verkünden zu können, dass Kapitalismus „ein apersonales Herrschaftssystem“ sei, weshalb der Austausch von Entscheidungsträgern“ keine Wende brächte. Dies habe der „revolutionäre Antifaschismus“, welcher die eigenen, linken Positionen „immer wieder auf den Prüfstand“ stellen müsse, zu berücksichtigen, um den „inhaltlichen Fortschritt“ nicht aus den Augen zu verlieren. Dann plötzlich die Umkehr: Im„Windschatten“ dieser „Entwicklung“ habe sich eine „Position gebildet“, die „der Kritik selber den kapitalismuskritischen Stachel zieht: Postuliert wird hier letztlich, dass der Kapitalismus als apersonales System nur noch als solches und entsprechend abstrakt kritisiert werden dürfe … als ob die Dummheit der Beherrschten ein Argument für die formal Herrschenden wäre.“

Die, mal vom nahezu komisch anmutenden Revolutions- und Linksradikalensprech abgesehen, verheißungsvolle Einleitung des Abschnittes „Was tun …“, hätte man sich sparen können, da sie im Kontext der darauffolgenden Zeilen zur bloßen Absicherungsgeste verkommt. Im Fortgang wird vorgeführt, wie sehr man, auch inhaltlich, dem traditionellen Linkstum verhaftet geblieben ist. Die dichotome Einteilung der Welt in Herrschende und Beherrschte ist nicht mehr als das Unterfangen, die Anonymität des prozessierenden Kapitals auf die Ebene des Verstehbaren herunterzubrechen, die Komplexität kapitaler Vergesellschaftung auf ein politisch benenn- und agitierbares Verhältnis zu reduzieren. Wer den Kapitalismus als apersonales System begreife und auf dieser Ebene kritisiere, der zöge der Kritik den Stachel. So gesehen muss die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie, insbesondere die zentrale Wertformanalyse als permanenter Stachelzug gelesen werden.

Die „antifa f“ betrachtet die Gesellschaft, als deren Beobachterin sie auftritt, subjektivistisch als Kampffeld antagonistischer Kollektiv-Subjekte, auch weil sie die katastrophale Verfasstheit des nachbürgerlichen Subjekts (6) ausblendet. Die Identität von Warenform und Subjektform muss freilich übersehen, wer qua formeller Reproduktion des ML-Klassendualismus vor lauter Kämpfen und Kollektiv-Subjekten keine Menschen mehr sieht und Geschichte als rein taktisch zu verstehendes Kräftemessen begreift: „Gründe für das Ausbleiben der überfälligen Revolution sind schließlich nicht deren technische oder „natürliche“ Unmöglichkeit, sondern neben den Irrtümern der Linken auch die Niederlagen im Kampf gegen jene, denen die objektive Hölle auf Erden aus was für Gründen auch immer ihr subjektives Himmelreich ist.

Metaphysik der Kollektiv-Subjekte oder: Großgruppensoziologie

Dass die Menschen, ganz gleich welche soziologischen Kategorisierungen herangezogen werden, um sie übergeordneten Gruppen oder Klassen zuordnen zu können, ihr Dasein als nachfolgende Auswirkung gesellschaftlicher Totalität bewerkstelligen, sie also ausnahmslos „bloße Anhängsel“ sind, darf nicht sehen, wer personalisierte Projektionsflächen zum Zwecke der „Politikfähigkeit“ braucht. Die „antifa f“ muss, weil sie an Klassen(kämpfe) glaubt, verneinen, dass die innerhalb des Kapitalverhältnisses real handelnden Personen als „Charaktermasken“ des sich selbst verwertenden Werts fungieren und eben nicht als bewusste GestalterInnen des prozessierenden Kapitalverhältnisses, welches den Einzelnen undurchsichtiger erscheinen muss denn je.

Antagonistische Interessen zwischen Subjekten existieren sehr wohl, beispielsweise wenn beim obligatorischen Paarlaufen ein „Drittes“ hinzutritt. Diese „Antagonismen“ sind jedoch nicht auf einen dualistisch geglätteten Kollektiv-Nenner zu bringen. Vielmehr stehen die Individuen allesamt einer undurchschauten anonymen Eigengesetzlichkeit gegenüber und erfahren die Verselbständigung des Systems, dass an keine Exklusiv-Subjekte (7), geschweige denn an deren subjektiven Willen gebunden ist, als bloßes Schicksal, weshalb Formen der Rationalisierung, wie die der Konstruktion binärer Erklärungsmuster, fortwährend im Inneren der Einzelnen und durch diese reproduziert werden. Die reale Ohnmacht lässt sich als halluzinierte Allmacht nun mal besser bewältigen. Die Subjekte ihrerseits haben sich dem Objektiven angeglichen, dessen Prinzipien verinnerlicht. Ein jeder lechzt – die Möglichkeit der eigenen Unbrauchbarkeit stets vor Augen – nach dem höchst möglichen Anteil vom zirkulierenden Mehrwert.

Vom Unvermeidlichen, der unvermeidlich überfordert

Die Linke glaubt, sich an Adorno nicht mehr vorbeibewegen zu können, und weil man der Stadt, für die man mit ambivalenten Gefühlen in die „kulturOffensive“ (8) geht, sich doch irgendwie verbunden fühlt, will man den „unvermeidlichen Adorno“ (9) aufs Flugblatt pressen. Dummerweise falsch. Aus „So undurchdringlich der Bann, er ist nur Bann“ wird dann die syntaktisch verhunzte Tautologie „So undurchdringlich der Bann scheint, es ist nur Bann“. Schlampiges Zitieren ist das Eine (10), vollkommen geistlos wird die Heranziehung eines Kritikers, wenn man seine Gedanken derart verfälschend „übersetzt“(!): „Ohne players kein game“. Hinsichtlich solcher Fehlleistungen liegt es nicht an uns, herauszufinden, ob die VerfasserInnen aus den Reihen der „antifa f“ faschingsbedingt scherzen, nichts verstanden haben oder die eigenen AdressatInnen vorsätzlich verarschen wollen. Dass gerade Adorno als Gewährsmann für die Banalisierung der Kritik der politischen Ökonomie herhalten soll, ist ironischer Nachklang kulturindustriell präformierter Theorievermittlung. Adorno spricht im herangezogenen Text „Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?“, der sicherlich nicht zu den sprachlich präzisesten und scharfsinnigsten gehört, von „Verselbständigung des Systems gegenüber allen, auch den Verfügenden“. Verselbständigt aber haben sich am Ende, so Adorno weiter, „die unter den Produktionsverhältnissen begrabenen Beziehungen zwischen den Menschen, die „übermächtige Ordnung der Dinge“ sei „zugleich ihre eigene Ideologie“.

Nun kann man die Rede von verselbständigten „Beziehungen zwischen den Menschen“ so subjektivistisch deuten, wie die Klassenkampf-Marxisten aller Couleur es immer schon getan haben, nämlich als willkürliche Herrschaft der Kapitalisten (players: im opernball) über die Beherrschten (losers: vor dem Opernball). Der hier zentrale Aspekt der Verselbständigung wird von der „antifa f“ schlichtweg ignoriert, weil dadurch die aktuelle Ressentiment-Aktion als der Mist, der sie ist, entlarvt würde. Der Bann-Begriff, der in der „Negativen Dialektik“ als total gewordenes „verdinglichtes Bewusstsein“ ausgewiesen und als in den Einzelsubjekten herrschende Gestalt des in fetischisierter Form erfahrenen Objektiven begriffen wird, ist eben nicht zu verstehen ohne jenen Prozess, den Alfred Sohn-Rethel mit dem Begriff „Realabstraktion“ (11) versehen hat. Im universalen Vollzug des Tausches, den Adorno „den Schlüssel zur Gesellschaft“ nennt, wird nicht nur abgesehen von den qualitativen Besonderheiten der Dinge, sondern auch vomgesellschaftlichen Produktionsprozess selbst. Die repressive Vergleichung, die quantifizierende Abstraktion sorgt nicht nur dafür, dass die Produkte aufeinander beziehbar, sondern auch, dass die Produzierenden und Konsumierenden unter Absehung ihrer empirischen Eigenschaften als formell gleiche miteinander in Vollzug treten können. Ohne darauf zu reflektieren, reduzieren die Tauschenden „verschiedene Gebrauchswerte auf Arbeitswert“. (12) Der (Tausch)Wert der Waren, der reduziert ist auf das gesellschaftlich notwendige Arbeitsquantum fungiert als Prinzip gesellschaftlicher Synthesis. Der Wert, der nichts anderes als Ausdruck gesellschaftlicher Qualität ist, erscheint im quantifizierenden Zusammenhang der Realabstraktion als sinnliches Ding, als Geld. Als solches entfaltet es ein Eigenleben, weil es den konkreten Gebrauchswerten, die nur stoffliche Voraussetzung des Wertes sind, gegenüber gleichgültig auf sich selbst bezogen bleibt. (13) Im Selbstbezug wechselt das Geld die Form, wird als Kapital (als Tauschwert der als Einheit von Ware und Geld erscheint) zur prozessierenden Bewegung des sich selbst Setzens, unter welcher die Menschen, deren „vergrabene Beziehungen“ fortwährendes Realabstrahieren sind, nicht geschichtsbildend agieren, sondern mitgeschleift werden. Die Fetischform, die den Schein zum Trotz wahrt, ist die Politik.

Das falsche Ganze im Kontext des ganz Falschen

Heute sind es, anders als in vorkapitalistischen Epochen, nicht Willensanstrengungen und Entscheidungen von einzelnen Personen, welche Herrschaft begründen und fortschreiben. Die Herrschaft versachlichter Beziehungen bemeistert die Individuen. Die Abhängigkeit der arbeitenden Menschen von den Mitteln, mit denen die Gesellschaft samt ihrer Produkte am Laufen gehalten wird, hat sich zu einer Dynamik entfaltet, der bloße Verfallenheit zugetragen wird. Der Macht des Selbstzweckhaften entspricht die Ohnmacht vor dieser. Die Möglichkeiten technischer Naturbeherrschung, die inzwischen ins Unermessliche gestiegen sind, haben nicht dafür gesorgt, dass die wertschaffende Arbeit, sondern deren Behälter überflüssig geworden sind. Dass die Potentiale zur Freiheit auch die sind, die den Umschlag ins Barbarische bewerkstelligen, ist Ausdruck dieser real existierenden Schizophrenie.

Es liegt keine Kategorie quantitativer Ausstattung vor, die trotz real existierender Differenzen bezüglich des Besitzes von Tausch- und Produktionsmitteln als konstituierendes Subjekt gesellschaftlicher Synthesis benannt werden könnte. Weder erzeugt ein wie auch immer verstandener Konflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital oder Herrschenden und Beherrschten jene sich selbst reproduzierende Totalität, noch wird deren Verlauf von Interessenskämpfen oder dem Ringen um„gesellschaftliche Kräfteverhältnisse“ (da tanzt der Bär, da steppt die Kuh) ins Werk gesetzt. Wer dennoch meint, diese erkennen zu können, hat eine andere Zeit, in irgendeinem anderen Land vor Augen oder folgt der Neigung zur studiumskompatiblen Großgruppensoziologie. Der Verzicht darauf, gesellschaftliche Kraft sein zu wollen, ist der mitmachenden Teilhabe am Politbetrieb bei weitem vorzuziehen. Die Antizipation des Kommunismus erfolgt verweigernd, ausgeschlafen und entspannt oder sie erfolgt nicht. Die Austauschbarkeit ist, das hat die „antifa f“ richtig erkannt, total. Wer unter Rückbezug auf welche Biographie auch immer der Verwertung von welcher Position aus zuarbeitet, ist für die Aufrechterhaltung des Getriebes nicht von Belang und kann einer Reflexion der gesellschaftlichen Totalität im Medium der Kritik herzlich egal sein, weil es dieser um die Abschaffung des falschen Ganzen und nicht um den „Klassenwechsel“ zu tun ist. Die Feststellung, dass es „sehr wohl immer noch Menschen und von ihnen geleitete Institutionen, die als Akteure und Entscheidungsträger die Verhältnisse verwalten und aufrechterhalten und verschärfen“ seien, ist wahr allein unter der revolutionstheoretischen Prämisse, dass die Menschen sehr wohl dem Prinzip der Abschaffung und nicht dem des Wertgesetzes gefolgt sein könnten, falsch, wenn das Scheitern auf willkürlich bestimmte „Entscheidungsträger“ reduziert wird, um den mehrheitlichen entschuldeten Rest teils moralisierend, teils kämpferisch aufzuwiegeln. Nach Maßgabe des „automatischen Subjekts“, des Kapitals, bringen alle, weil sie müssen, ob aus Gründen der puren Lebensnot oder denen der Konkurrenz, tagtäglich ihren Körper zum Einsatz für den Erhalt einer Dynamik, die sich selbst Zweck ist und blind aber geschichtsbildend wirkt. Was die DemonstrantInnen vor der Oper bewegt, ist nicht der Wille jenes blindwütige Prozessieren des Werts in seinen unterschiedlichen Formen, die im voranschreitenden Rückbezug aufeinander jene gespenstische“ Eigenständigkeit entfalten, zu reflektieren, sondern das Ressentiment gegen die konstruierten RepräsentantInnen des Reichtums. Was der vorgeblichen Sache nach, der Reproduktion des falschen Ganzen also, sich genauso gut vor der Würstchenbude hätte abspielen können, findet vor der Oper statt, weil das antikapitalistische Bewusstsein, um richtig hassen zu können, jenen Popanz braucht, den die VeranstalterInnen des Opernfestes ihren Gästen bescheren.

Die Notwendigkeit von Ideologiekritik, die Entzauberung des „notwendig falschen Bewusstseins“ wird von der Absage an kapitalismusergründende Schuldigensuche nicht tangiert. Niemand kann von der je eigenen Verantwortung das Ganze zu reproduzieren enthoben werden. Vielmehr ist darauf hinzuweisen, wie sehr das Besondere vom Allgemeinen affiziert ist, ohne dass jene den Bruch wagen, der zumindest die Option auf die Negation des Immergleichen bewahren könnte. Der Verweis auf die Übermacht des Allgemeinen soll nicht die Entlastung der StaatsbürgerInnen oder Mob-Partizipanten evozieren, wenn diese zur Vernichtung des Überflüssigen rufen oder schreiten. Die Bekämpfung des Faschismus ist spätestens dort geboten, wo unmittelbare Gewalt die Gleichen gleicher machen soll, indem das Nichtidentische zum Auslöschen freigegeben wird. Immer noch wird, wo den StaatsbürgerInnen Gewalt und Vernichtung realisierbar erscheinen, die Anrufung an die übergeordnete, zusammenfassende und selektierende Instanz des Staates gerichtet. Wenn die WarenproduzentInnen zu spüren bekommen, dass freier und gleicher Tausch, der ihrer bewusstlosen Praxis bereits Hohn spricht, eben nicht bringt, was er verspricht, dann wird der Staat angerufen. Wenn die eigene Ware Arbeitskraft ihrer realen Überflüssigkeit überführt wird – sich im Tausch nicht bewährt – soll der Staat vergelten. Umgekehrt kann der Staat vom Einzelnen nicht abstrahiert werden. Der Staat als Medium überindividueller Identitäten ist vom Individuum ebenso verinnerlicht wie dieses ihn als äußere Autoritätsinstanz fixiert. (14)

Eine Staatskritik hätte folglich entzückt. Das, was hier und heute dargeboten wird, ist das Gegenteil. Das substanzlose Geraune gegen „die da Oben“ hat sich medial wie privat totalisiert und gibt’s bei Springer lustiger.

Zurück zum Volk

Der antizionistische Zusammenhang „Libertad!“, offensichtlich befangen in der antiimperialistischen Wahnwelt, brachte als „unterstützende“ Gruppe bereits im letzten Jahr ganz unverhohlen zum Ausdruck, um was es den GegnerInnen des Opernballs wirklich geht. Im Gegensatz zur „antifa f“, deren kollektives Über-Ich zumindest in Teilen noch präsent ist und die potentiellen oder realen KritikerInnen des „revolutionären Antifaschismus“ im Bewusstsein hält, können die Leute von „Libertad!“ frei assoziieren:

Wir sind durchaus der Meinung, dass es Grund für Klassenhass und Sozialneid gibt – und wir halten dies auch nicht für einen schlechten Charakterzug. Das will man uns einreden – damit wir stillhalten und uns in unser Schicksal einfügen. Wenn die Einen prassen, wie heute auf dem Opernball, sollen wir den Gürtel enger schnallen. Es braucht aber unserer Meinung nach ein ganz anderes Konjunkturprogramm, kreativ und innovativ – und dabei noch uralt und wohlbekannt: das des Klassenkampfes – um die siechende Wirtschaft wieder ins Laufen zu bringen. Im Sinn des Wortes: Bosse jagen, Wirtschaftsführer drangsalieren, sozialneidisch ihnen die Butter vom Brot kratzen – ihr gediegenes Tanzprogramm aufmischen – und einen ganz anderen Takt spielen.“ (15)

Die Völkischen von „libertad“ zeigen, in Tradition von Ruth Fischer und Konsorten, auf, was Antikapitalismus, wie er hier demonstriert wird, der Form nach immer schon gewesen ist: die Herrschaft des Mobs. Das Unbehagen an der Komplexität moderner Vergesellschaftung gerät hier zur pathischen, frei flutenden Projektion. Der Vorrang des Gefühls, des aggressiv besetzten Impulses, der auf das austauschbare Objekt gerichtet ist, wird evident. Die neidbesessene moralisierende Anklage soll jene treffen, die man als charakterlose Personifikationen des abstrakten Reichtums halluziniert. Unerträglich ist ihnen der Gedanke, dass es nicht ausnahmslos allen dreckig geht. Darin weiß man sich einig mit dem Volk, das hier und dort keine Ersatzobjekte mehr braucht, sondern den ewigen Feind beim Namen nennt. Während es der/die durchschnittsdeutsche AntikapitalistIn beim Geraune gegen „Raffke-Bosse“ und „Puff-Politiker“ (Bild) belässt, rufen die glücklicherweise verhinderten AkteurInnen der antiimperialistischen Massenmobilisierung zum Pogrom. Spätestens hier, wo der Zusammenhang zwischen völkischem Antikapitalismus und Antisemitismus qua Bündnispolitik mitgeliefert wird, schlägt das Anliegen der VeranstalterInnen in entgrenzte Regression um. Die Parole „Luxus für Alle“ verkommt zum Beutewunsch derer, denen es, weil sie nicht auf ihre Kosten kommen, nach Rache dürstet. Die bündnistreue Toleranz erhellt den Kern der ganzen Aktion vom 25.02.2006. Demnach ist die heutige Demonstration eine Plattform für die Realisierung regressiver Bedürfnisse, das begleitende Gerede von Inhalten nur Beiwerk.

Anmerkungen:

Theodor W. Adorno, Dialektische Epilegomena, in Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Gesammelte Schriften S. 8669/GS 10.2, S. 763.

Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, Gesammelte Schriften I.2, S. 697.

1) Auf einer „antifaschistischen (!) Demonstration“ in Darmstadt wurden TrägerInnen einer Flagge des Staates Israel von DemonstrationsteilnehmerInnen attackiert. Der Zustand, dass linke AntisemitInnen sich auf einer Demo durch ein Symbol jüdischen (Über-)Lebens derart provoziert fühlen, dass sie in unbewusst vollzogener Tradition der Großeltern zuschlagen, scheint als Grund nicht ausreichend, um klare Worte zu finden. Bis heute gibt es keine Stellungnahme der „antifa f“, welche den szeneinternen Antisemitismus beim Namen nennt. Was auf die Vorfälle in Darmstadt folgte, war ein ,neutraler‘ Appell zum innerlinken Gewaltverzicht. Man wird wissen warum. Wer in Deutschland oder in anderen Teilen Europas keine Ruhe, sondern Bewegung will, der sollte vermeiden, die antisemitischen Manifestationen gegen Israel als solche zu benennen. Um anschlussfähig zu bleiben, ist es ebenso nötig zu wissen, wann man zu schweigen hat, wie erahnen zu können, mit welchen Angeboten man „die da Unten“ oder „die Daneben“, nämlich die imInnern der linken Gemeinde erreicht.

2) Passage aus dem Aufruf zur Demonstration „Gegen den Opernball“.

3) Die Zeilen entstammen einem etwas älteren Text der „antifa f“, der den bescheidenen Titel „Flaschenpost an die Restvernunft“ trägt. Die Intention des Textes bestand wohl darin, sich an einer Kritik „der Antideutschen“ zu versuchen. Es blieb beim Versuch, der sich auf der Ebene postödipaler Konfliktbewältigung an der Person eines Mitglieds der Redaktion der Zeitschrift Bahamas abgespielt hat. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit „antideutscher Kritik“ hat nicht stattgefunden. Wen so etwas, also was antideutsch ist oder sein soll, interessiert, der sollte sich beispielsweise an Manfred Dahlmann (Bahamas 47/48) halten.

4) Schon Walter Benjamin schlug sich mit dem leeren Fortschrittsoptimismus seiner sozialdemokratischen Zeitgenossen herum. In dem Text „Über den Begriff der Geschichte“ sind seine hervorragenden und nach wie vor aktuellen Thesen nachzulesen.

5) Die folgenden Passagen sind dem Aufruf zur Demonstration gegen den Opernball entnommen.

6) An anderer Stelle haben wir, die „gruppe morgenthau“ „Sieben Thesen zum aktuellen Stand der Subjektivität“ zu entwickeln versucht.

7) Einhergehend mit der Transformation frühbürgerlicher Produktionsverhältnisse zur total verwalteten Massengesellschaft ist der Idealtypus des „freien Unternehmers“ endgültig erledigt worden.

8) Das ist der Name für ein lokales linkes Gemeinwesenprojekt.

9) An anderer Stelle spricht man auch vom„obligatorischen“ Adorno. Was unsere fröhlichen TheoretikerInnen immer wieder zum Unvermeidlichen treibt, kann an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Hierin sind sie allerdings nicht allein: das Abarbeiten, Zurechtrücken oder Zwangsverheiraten an und von Adorno hat sich – der Kulturindustrie sei Dank – zum fraktionsübergreifenden Volkssport diverser BescheidwisserInnen ausbreiten können.

10) Bildungsbürgerlicher Habitus ist in der Regel ebenso uncool wie linke Eigentlichkeit oder postautonomes Revolutionsgeschwätz. Wahr ist der Hinweis darauf, dass der schlampige Umgang mit der Sprache oftmals einen Hinweis auf die jeweilige Denkpraxis gibt. Zur Sprachkritik aus gegebenem Anlass, vgl. Karl Kraus: „Was da aber schreibt, hat den Wunsch, es tun zu ‚wollen’, leider auch die Erlaubnis, es tun zu ‚dürfen’, maßt sich ferner die Pflicht an, es tun zu ‚müssen’, und hat so ganz und gar nicht die Fähigkeit, es tun zu ‚können’.“ In: Sprachlehre/Überfracht, Die Sprache, S. 253, Frankfurt am Main 1987.

11) Die Explizierung und Diskussion dieses komplexen Zusammenhangs kann im hier vorliegenden Interventionsbeitrag nicht entwickelt werden. Lit.: Alfred Sohn Rethel: „Geistige und körperlicher Arbeit“; ISF „Das Konzept Materialismus“; Jürgen Ritsert „Realabstraktion“.

12) Adorno in Backhaus, S. 502 f., Freiburg 1997.

13) Marx verdeutlicht die Subjekthaftigkeit des Tauschwertes in den Grundrissen: „Aber das Ganze der Zirkulation an sich betrachtet liegt darin, dass derselbe Tauschwert, der Tauschwert als Subjekt, sich einmal als Ware, das andre Mal als Geld setzt und eben die Bewegung ist, sich in dieser doppelten Bestimmung zu setzen und sich in jeder derselben als ihr Gegenteil, in der Ware als Geld und im Geld als Ware zu erhalten. Dies, was an sich in der einfachen Zirkulation vorhanden ist, ist aber nicht an ihr gesetzt. Der als Einheit von Ware und Geld gesetzte Tauschwert ist das Kapital, und dies Setzen selbst erscheint als die Zirkulation des Kapitals. (Die aber Spirallinie, sich erweiternde Kurve, nicht einfacher Kreis ist.)“. S. 190, MEW42.

14) Vgl. Gerhart Scheit, „Suicide Attack“ – Zur Kritik der politischen Gewalt, Freiburg, 2004.

15) Auszug aus einem „Libertad!“-Redebeitrag, der letztjährigen Demonstration gegen den Opernball