Monthly Archives: Dezember 2006
„Ganz im Gegenteil scheint der Deutsche heute befallen zu sein von einem heftigen Juckreiz zu diskutieren, zu bestreiten und sogar anzuklagen; er tut von oben herab, verteilt Lob und Tadel: Auch er, er ist nicht einverstanden! [...] Man glaubt zu träumen. Bald werden wir uns unsererseits, was die Deutschen anbelangt, schuldig fühlen und glücklich noch dazu, wenn sie uns zugestehen, daß beide Seiten Schuld tragen. Woher also nehmen sie diese Sicherheit? Woher kommt ihr verblüffend gutes Gewissen? Wir müssten zweifellos sagen: Diese vollständige Bewusstseinstrübung!“
Vladimir Jankélévitch (1971)
Die Wiederwichtigwerdung der Deutschen
Nachdem das kollektive Schweigen der Ärmelaufkrempler, das während der Wiederaufbaugeschäftigkeit geherrscht hatte, beendet werden musste, weil eine Rückkehr Deutschlands auf die Bühne der Weltpolitik nur unter Bekenntnissen zur eigenen Geschichte möglich war, etablierte sich bewusstlos bewusstseinsfördernd „ein Neudeutsch, das als Universalschlüssel alle Türen öffnet, auf die es heutzutage ankommt“. (Elfriede Jelinek) Die militärische Niederlage hatte die Deutschen in den Zustand einer verstörend erlebten Diskrepanz zwischen subjektivem Bewusstsein und zwingend notwendiger Sprachform versetzt. Um die nach wie vor virulenten aber nunmehr potentiell konfliktreichen Inhalte in eine neutrale Form zu setzen, die sich auch öffentlich verkünden lässt, entwickelte die postnazistische Sprachgemeinschaft signalhafte Worte, die es den Eingeweihten ermöglichen, altes Denken in neues Sprechen zu transformieren.
Wenn Deutsche, deren Einsatz zum Zwecke der Förderung der eigenen Arbeitskraft sich ausgezahlt hat, beginnen, über Juden zu sprechen, erahnen sie, dass sie sich selbst nicht trauen können. Mit schlafwandlerischer Sicherheit greifen sie dann auf jene Worte zurück, deren Bestimmung nicht ist, einen Inhalt zu transportieren, sondern eine formelle Legitimation des Intendierten zu evozieren. Je intensiver die Bildung des Staatsbürgersubjekts, desto sicherer werden die sprachlichen Manifestationen formuliert, desto dichter der Schwindel. Zu Verschleierndes und Sprache sind nicht identisch. Wird krampfhaft versucht, die nicht zu verbergende Angriffslust in die Form wohlwollenden Unterstützens zu pressen, dann verweigert sich Sprache dieser Lüge. Die Phrase, das unbedacht gesetzte Wort, betonte Betroffenheit oder die zu blumig gewählte Metapher dort, wo Gewalt herrscht, die anstelle des gestaltenden Versuches begrifflicher Durchdringung vollzogen werden, verweisen auf notwendig falsches Bewusstsein, das den Lügenden nicht mehr bewusst lügen, sondern frei assoziierend texten lässt.
Fünfundzwanzig Hochschullehrer räsonieren im tradierten Duktus, aber stets im Schweiße ihres selbstreferentiellen Misstrauens, dass „angesichts der weltweit historischen Einzigartigkeit des Holocaust das Verhältnis der nicht-jüdischen Deutschen zu Juden, zu allen, die sich als solche verstehen, ein einmaliges ist, das von besonderer Zurückhaltung und besonderer Sensibilität geprägt sein muss“.Hier sprechen Leute, die nicht nur klassenbeste Vorturner sein wollen, sondern die sich in den postnazistischen Staat eingefühlt haben und für dessen vermeintliche moralische Integrität bürgen. Hierbei ist ihnen nicht am Begriff dessen, was als „Holocaust“ verharmlost wird, gelegen, sondern an produktiver Zukunftsarbeit, die im veränderten Jargon erscheint. Die Rede von Zurückhaltung im Umgang mit Juden entlarvt das ganze Elend deutscher „Vergangenheitsbewäl-tigung“. Zurückhaltung muss sein, weil das, was raus will, oftmals bloß der antisemitische Dreck ist, den öffentlich auszusprechen den Deutschen bei Strafe einer negativen Bewertung aus dem Ausland nicht mehr gestattet ist. Eine Bewertung ganz anderer Art kam als Reaktion auf das deutsche Manifest übrigens aus dem iranischen Ausland. Punktgenau, aber deutlicher und überhaupt nicht negativ heißt es im staatlichen Hörfunk und Fernsehsender des Iran, IRIB, auf dessen deutscher Website: „25 Experten und Dozenten für politische Wissenschaft (bezeichneten) in einer Erklärung die Kritik an Israel als erlaubt und gaben bekannt, dass der Holocaust den Palästinensern ein 60-jähriges Leid angetan hat, welches unerträglich zunimmt.“ In der Erklärung heißt es weiter:„Ohne den Holocaust könnte Israel sich nicht anmaßen, die Palästinenser und Libanesen zu massakrieren und jährlich eine Finanzhilfe von 3 Milliarden Dollar von den USA zu erhalten. Der Zweifel am Massenmord an den Juden während des Zweiten Weltkrieges hat in den meisten europäischen Ländern eine Haft- bzw. Geldstrafe zur Folge. Aus diesem Grund ist in der Erklärung der deutschen Dozenten, bevor auf die Frage des Holocausts an sich eingegangen wird, die Ausnutzung des Holocaust durch das zionistische Regime und die Politik der Bundesregierung in Bezug auf die aggressiven Maßnahmen der Zionisten in den besetzten Palästinensergebieten und im Libanon kritisiert worden“.
Wahrhaftig, man muss, das unterscheidet die Gewöhnlichen von der NPD, sich nicht nur zurückhalten können, sondern, anders als die Sprechautomaten des IRIB, sensibel genug sein, um erfassen zu können, welche façon de parler die je schickliche ist. Um trotz aller Contenance gegenüber Juden und „allen, die sich als solche verstehen“ die eigene Gesinnung kundzutun, haben die ehrenamtlichen Staatssprecher einen Text in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht, durch den man der Leserschaft empfiehlt, die „besonderen Beziehungen“ zwischen Deutschland und Israel zu überdenken. In Verdrängung aller belangvollen Staatstheoretiker, die sie auf dem Weg zum Titel kennen gelernt haben sollten, beginnen sie ihre Ideologieproduktion mit einer Freundschafts-Metapher: Das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel wird als intersubjektives, freundschaftliches, das aufgrund seiner Genese als „besonders“ zu charakterisieren sei, bestimmt. Kritik, die „nicht im Duktus der moralischen Verurteilung“ erscheine, soll zwecks Stabilisierung des Verhältnisses möglich sein, „auch dann, wenn einer der beiden dem Anderen gegenüber eine tiefe und zurückliegende Schuld abzutragen hat“. Die Magie des Jargons liegt im abstrahierenden Bekennen: die Signalwörter sind gerade weil sie leer bleiben, die Bedingung eines Schließens auf erweiterter Grundlagenbestimmung. Dass die Protagonisten des vereinigten und wiedergutgewordenen Deutschland sich in aller Redseligkeit „auf die Ungeheuerlichkeit des Holocaust“beziehen, hindert sie nicht daran, so zu tun, als hätten die empirischen Deutschen damit nichts so tun. Schuld-Metaphern haben nach wie vor Konjunktur, weil so von Schuld gesprochen werden kann, ohne zugleich Mitläufer, Unterstützer, Vollstrecker und ihre Helfershelfer beim Namen zu nennen. Darum, wer gemordet und wer dabei passiv oder aktiv mitgemacht hat, geht es den Verfassern genauso wenig wie den anderen Deutschen, die sich in den letzten sechzig Jahren hierzu geäußert haben. Das Wort Schuldgeht ihnen nicht nur so leicht von den Lippen, weil die, an die eine Entschuldung sich zu richten hätte, in Gaskammern und anderswo ermordet wurden, sondern auch, weil die Schuldigen und ihre selbstgewissen Erbverwalter – mit Ausnahme der paar bekanntesten Verbrecher – keine Konsequenzen für ihr Treiben zu fürchten haben. Denn nachdem das, was nie hätte geschehen dürfen, geschehen ist, ist das, was dann hätte geschehen müssen nicht geschehen.
Während Teile der Linken in ihrer Fürsprache für Palästinenser israelischen Bürgern vorwarfen, nach Auschwitz nicht gut an sich zu sein und folglich die Vernichtungslager als Besserungsanstalten begriffen, wird hier so getan, als sei die Geschichte der BRD stets eine des Eingedenkens und der Aufklärung nach dem Volksbildungswerkabschluss Auschwitz gewesen, weswegen man nun als geläuterte Nation der permanent und vor allem weise Rückschauenden nicht nur besondere Verhältnisse pflegen, sondern auch besondere Forderungen und Fragen, die man als rhetorische verschleiert, stellen darf: „Vielleicht wäre es der deutschen Regierung eher als der israelischen möglich gewesen, die katastrophalenweltweiten Folgen einer solchen massiven Vergeltung (gemeint ist der „Libanonkrieg“) nach dem Prinzip der Kollektivhaftung einzuschätzen?“
Spätestens seit den frühen Achtzigern als die Deutschen erstmals „mit der nämlichen Betriebssamkeit, die sie einst beim Vernichten und dann beim Vergessen an den Tag gelegt hatten, sich nun an die eigene Vergangenheit machten“ (Eike Geisel), ist in Deutschland an die Stelle des öffentlichen Schweigens das instrumentalisierende Geschwätz über Auschwitz getreten. Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz fühlt man sich heute berufen, der Welt das Notwendige zu erklären. Deutschlands bestiefelte Rückkehr in die Weltpolitik wurde moralisch eingeleitet. Der Überfall auf Jugoslawien, den maßgeblich die Sprecher Deutschlands und Österreichs anheizten, wurde als Verhinderung eines weiteren Auschwitz angezählt und durchgesetzt. Erst so konnten die Deutschen den historischen Restmüll endgültig loswerden, um künftig als Experten des „Völkermordes“ den Fortschritt zu sichern, wenn Unplanmäßiges stört. Das hieraus gewonnene Selbstbewusstsein lässt die politischen Akteure dieses Landes, nunmehr moralisch abgesichert, unentwegt einmischend nach vorne blicken, während der „Trümmerhaufen“ (Walter Benjamin) der Geschichte weiterwächst. Diese deutsche Selbstgewissheit, von der auch die Professoren beseelt sind, wenn sie bronzierte Vorwürfe, Belehrungen und Forderungen an den „besonderen“ Freund Israel richten, zeugt von jenem urdeutschen Hang zum geschichtsresistenten Größenwahn, unter dem die Vorstellung, dass es auf Nicht-Deutscher Seite Menschen gibt, die keine Freundschaft wollen, gar nicht erst aufkommt. „Wir unsererseits sagen zu den Deutschen: Behaltet eure Entschädigungen, die Verbrechen lassen sich nicht in klingende Münze umsetzen; es gibt keinen Schadenersatz, der uns für sechs Millionen zu Tode Gemarterter entschädigen könnte, es gibt keine Wiedergutmachung für das Nichtwiedergut-zumachende. Wir wollen euer Geld nicht. Eure Mark versetzt uns in Schrecken, und noch mehr die recht deutsche Absicht, sie uns anzubieten.“Diese Zeilen Vladimir Jankélévitchs, der die notwendigen, für die Verfasser des Manifests jedoch völlig undenkbaren Konsequenzen hinsichtlich des Umgangs mit einer mörderischen Volksgemeinschaft zieht, die nur dann ihre destruktive Energie, die besonders in Krisenzeiten oder Krisenszenarien aufscheint, verlöre, wenn jeder Einzelne ihr unwiderruflich aufkündigte, liefern den selbsternannten Freunden die entsprechende Antwort auf ihre rhetorisch versüßten Drohungen. Dass solche Einsichten hier klingen, als kämen sie aus einer anderen Welt, ist Ausweis der Kälte jener Menschen, die als Teil eines Kollektivs sich denken und erleben, welchem Max Horkheimer attestierte das verhärtetste der Welt zu sein. Auch wenn Sie, Herr Krell und ihre Gesinnungsgenossen es nicht glauben wollen: Es gibt nach wie vor Menschen, die nicht nur gerne auf Ihre Freundschaft verzichten, sondern auch auf die „Lieferung von staatlich geförderter hochwertiger Waffentechnologie auch dann, wenn Israel gegen internationales Recht und die Menschenrechte verstößt.“
Geschichten vom unglücklichen Olivenhain
Die Verfasser fordern eine „deutsche Verantwortung gegenüber Palästina“. Weil „der Holocaust“ und die darauffolgende Masseneinwanderung „eine viel zu selten bedachte Seite der Holocaust-Folgen“ zu Lasten der Palästinenser produziert habe, gelte nun für „Deutsche, Österreicher und Europäer“ alle Anstrengungen zur Minderung des Leides der neuen Opfer zu unternehmen. Die historische Opferwerdung der Palästinenser bekommt einen fixen Ursprung: Die nach Palästina emigrierten Juden seien nach anfänglicher Anpassung und wohlwollender Friedfertigkeit dazu übergegangen, die „Balance mit den Arabern“ infolge des fluchtbedingten Bevölkerungszuwachses zu gefährden und die „ortsansässigen Araber“ zu vertreiben. Mit anderen Worten: aufgrund Überschreitens des erträglichen Limits von „max. 160.000 Juden“, und der „Bedrohung der Juden im nationalsozialistischen Einflussbereich“ musste es zum Kippen der Balance kommen. Gutmütig- wie Belastbarkeit seien so an arabische Grenzen gelangt. Dass antijüdische Aktivitäten der arabischen Bewohner sukzessive gesteigert wurden und die Zusammenarbeit zwischen palästinensisch-arabischen Organisationen und der NSDAP hervorragend funktionierte obgleich der Führer der Deutschen Araber schlechthin als „bemalte Halbaffen“ bezeichnete, wird in der Geschichtserzählung der Hochschullehrer tunlichst vermieden. Kein Wort vom Antisemitismus im Nahen Osten, kein Wort vom islamistischen Weltherrschaftsanspruch und kein Wort vom Bündnis zwischen Halbmond und Hakenkreuz, das trotz deutschem Rassismus gegen die Partner funktioniert, weil beide Seiten die Priorität der Judenvernichtung proklamieren. Dass es schließlich den Deutschen gelang, den planmäßigen Massenmord in die Praxis umzusetzen, lässt so manchen Gotteskrieger unter bewundernder Begeisterung gen Deutschland blicken, wo umgekehrt im Verständnis für die „terroristische Energie“ des „palästinensischen Volkes“ die Einfühlung in den ungebrochenen Kampf gegen das verhasste Antivolk aufschimmert.
Die joviale Geste, mit der das „bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Leid“ der Palästinenser auf die eigene Kappe genommen wird, indem man es als Folgewirkung des Holocaust deklariert, ermöglicht es den Verfassern das zu sagen, was man sich expressis verbis noch nicht ganz zu sagen traut. Nämlich, dass die israelischen Juden die neuen Nazis sind. Denn das wäre „die Erlaubnis demokratischerweise“ (im Namen des Menschen- und Völkerrechts) „Antisemit zu sein. Und wenn die Juden selbst Nazis wären? Das wäre wunderbar.“ (Vladimir Jankélévitch) So ist es schließlich möglich, über die beinahe genozidale Qualität des Vorgehens der israelischen Streitkräfte zu politologisieren („Das ist nicht dasselbe, als hätte das Dritte Reich einen Völkermord an den Palästinensern begangen. Aber zahllose Tote waren auch hier die Folge, das Auseinanderreißen der Familien, die Vertreibung oder das Hausen in Notquartieren bis auf den heutigen Tag“) und ein völkermordähnliches Szenario heraufzubeschwören, das von der angeblich “geplanten”Zerstörung der Infrastruktur des Libanon, über die Inszenierung moderner Varianten biblischer Naturkatastrophen (Ölteppich) bis hin zum Einsatz von Streubomben und der bewussten “Inkaufnahme hoher ziviler Opfer” reicht. Nur so erklärt sich auch das unverhältnismäßig große Interesse am Schicksal der libanesischen und palästinensischen Bevölkerung und die bereitwillige “Verantwortung gegenüber Palästina“, über die Ahmadinedschad in Verzückung geraten dürfte.
Der Griff in die argumentative Trickkiste, über dessen psychodynamische Funktion die Verfasser sich – so viel mag man ihnen zugute halten –, wahrscheinlich selbst hinwegtäuschen, impliziert mithin die Annahme, die israelische Außenpolitik werde ganz und gar von der Erfahrung der Shoa diktiert. Eine Einschätzung, die empathisch daherkommt, tatsächlich jedoch eher pathologisierend als sensibel ist. Im Klartext meint sie folgendes: Die Juden haben wegen des „Holocaust“ einen kollektiven psychischen Knacks und reagieren deshalb paranoisch und unverhältnismäßig, während die Deutschen, so sie nicht gewissenlose Antisemiten sind (das ist das Fünkchen Wahrheit, das sich in den Text geschlichen hat), einen, wie Kunzelmann bereits `68 von links formulierte, “Judenknacks” davongetragen haben, der einer echten Freundschaft, zu der nunmal auch die aus der Sorge um das Wohlergehen des anderen gespeiste Kritik gehöre, zwischen Israelis und Deutschen im Wege steht. Die angebliche Polarisierung des deutschen “Binnendiskurses” (in Antisemitismus und Philosemitismus) möchten die Verfasser aufbrechen. Deshalb empfehlen sie ihren Lesern es ihnen gleichzutun und mit ihrem ehemaligen philosemitischen Gewissen abzurechnen. Denn dieses verhinderte ja bisher das, was der kategorische Imperativ nach Auschwitz Theodor W. Adorno zufolge verlangt: “Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.” Dass die Verantwortung, die aus dem historisch präzedenzlosen, der von Deutschen ins Werk gesetzten “Fabrikation der Leichen” (Hannah Arendt), gegenwärtig verlangt, dass man sich als deutscher Politologe kritisch gerade gegenüber dem israelischen Staat verhält, gehört wohl zu den Kapriolen, die die Geschichte, die unberechenbare, nun einmal schlägt, vor denen ein deutscher Professor jedoch nicht intellektuell kapitulieren darf. Die Maxime lautet also: Haltung annehmen, um die “geistigen und moralischen Fehlhaltungen” des Freundes zu korrigieren. Nicht zuletzt auch im eigenen Interesse – soviel Ehrlichkeit muss sein. Denn dem Text zufolge ist “unverkennbar, dass eine Hauptquelle der zunehmenden terroristischen Energie der ungelöste Nahostkonflikt ist.” Wir erinnern uns: eine 2002 veröffentlichte Studie, die die Konjunktur antisemitischer Klischees mittels Interviews abfragte, ergab, dass 59 % der Europäer Israel für die größte Bedrohung des Weltfriedens hielten. Wohlwissend, dass auf ideologisierte Staatsbürgersubjekte Verlass ist, fordert man deshalb ausdrücklich eine Politik „die von den Bürgerinnen und Bürgern in ihrer großen Mehrheit gewollt wird.“
Die vorgeführte Form der Relativierung des fabrikmäßigen Massenmordes, in der die Feinde Israels als die eigentlichen Opfer der Shoa erscheinen, ist deshalb so beliebt, weil die so gezogenen Schlussstriche viel nachhaltiger als die von den Walsers der Republik propagierten sind und Israel als das neue Täterkollektiv umgelogen werden darf. Weil Schuldbekenntnisse und Verantwortungsübernahme offensichtlich nicht schaden, hat man das deutsche Schuldenkonto erweitert und sich verantwortlich für „die Existenz Israels“, das heißt für sie die staatgewordene Menschenrechtsverletzung an den friedfertigen Autochthonen, erklärt. All die ideologisierten Vorwürfe, Anklagen und demonstrierten Kränkungen, welche in deutschen Medien und anderen Volksgerichtshöfen immer dann, wenn Israel sich selbst verteidigt, losbrechen, werden im Text der Professoren bis hin zum obligatorischen, zerstörten Olivenhain reproduziert. Natürlich nicht ohne zuvor behauptet zu haben, dass man Israel nicht kritisieren dürfe. Palästinenser werden, wenn nicht gerade rationalisierend von „militaristischen Gruppen“ gesprochen werden muss, durchgängig ausgewiesen als schützenswerte Opfer, die in Sonderfällen bedauerlicherweise eines „Anreizes“ zum Judenmord erliegen. Hemmungslose und kollektiv zelebrierte Dauerdestruktivität gegen Nichtidentisches wie allumfassender Antisemitismus in den palästinensischen Rackets kommen hier überhaupt nicht vor. Statt dessen projiziert man jene unmittelbar gewaltsame Regressionsdynamik auf Israel und phantasiert den jüdischen Staat als eine Macht „auf deren Konto alle negativ empfundenen Erscheinungen der neuen Verhältnisse verbucht werden können.“ (Gerhard Scheit) Zwischen Zivilisation und totalitärer Herrschaft vermögen die Hochschullehrer längst nicht mehr zu unterscheiden. Sehr wohl aber scheinen sie zu wissen, wovon sie sprechen, wenn sie Israel als „Teil der europäischen Probleme“ betiteln. Ein ungelöstes Problem an dem sich vorerst nicht viel ändern lässt, da „die Geschichte nun einmal diesen Gang genommen hat“: Israel existiert. Die Handreichung an die, die genau das zu ändern versuchen, verweist auf das altneue Wesen deutscher Ideologie und Politik.
Das Projekt Kerneuropa
Trotz aufreibender Empörung, die engagierten Antizionisten den Alltag rahmt, bleibt die nötige Zeit zu visionärer Ausschweifung. Die Verfasser sind mächtig stolz auf ihre variable Volksgemeinschaft, dessen kann sich vergewissern, wer ihren Text liest ohne den postnazistischen Konsens übers Weitermachen vorher schon abgenickt zu haben. Ihr Manifest ist ein weiterer Beitrag zu Gunsten des Großraumes Kerneuropa. Ohne jedwede Distanz sprechen sie in affirmativen Bekenntnissen von „deutscher Haltung“, nationalen „Eigeninteressen“ oder einem „Beitrag deutscher Politik“. Ihr Denken ist permanent identifizierendes. Folglich würden die weltpolitischen Veränderungen, die im Falle der Veränderung des deutsch-israelischen Verhältnisses zu erwarten wären, „in keinem dieser Fälle zum Schaden der Beteiligten sein“. Wenn Deutschland verändernd eingreift, gibt es keine Verlierer: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Niemand bleibt verschont. Im beseelten Rausch für die Sache spricht man bejahend aus, was die prozessierende Kapitalform selbst besorgt. Dass die Individuen als Anhängsel und Material der Wertform, die mit höheren Weihen versehen als Nation, Staat oder Kultur erscheint, gesetzt sind: Die „vielen Intellektuellen, Schriftsteller, Künstler und Musiker jüdischer Herkunft von Adorno über Einstein, Freud und Marx bis zu Zweig“, werden nicht genannt, weil man ihre Werke zu besprechen gedenkt, sondern weil „wir so stolz sind“ und weil ohne die zu bloßem Material und zur nationalen Sinnstiftung Degradierten „die deutsche Kultur und der deutsche Beitrag zur Wissenschaft um so vieles ärmer wären.“ Die Einsicht Walter Benjamins, dass auch die Toten vor dem Feind keine Ruhe finden, solange dieser nicht aufgehört hat zu siegen, bewahrheitet sich hier ein ungezähltes Mal und wird im Schlusssatz des Manifests auf die Spitze getrieben „das Eintreten für die Menschenrechte durch wen immer sie verletzt werden, sind wir den Opfern des Nationalsozialismus schuldig.“ Gedankt sei den Ermordeten, deren Tod als Mittel für Politik und Gewissen der Nachkommen der Mörder in Gebrauch genommen wird, die ihrerseits freilich am besten wissen, wann und wo die heiligen Rechte des Menschen an sich, d.h. des national formierten, repressiv verglichenen und staatlich kasernierten bürgerlichen Subjekts verteidigt werden.
Die Verfasser wissen, dass mit nationalem Separatismus weder theoretisch noch praktisch Weltpolitik zu machen ist und bewerben deshalb das „attraktive Modell Europa“. Die Attraktivität des protegierten Modells wurde bereits vor drei Jahren von Jürgen Habermas und Jacques Derrida auseinandergesetzt. In Abgrenzung zu den USA, denen sturer Partikularismus vorgeworfen wird, mobilisieren die „antiamerikanischen Großraumdenker“ (Gerhard Scheit) das Kontrastbild eines universalistischen, auf Verrechtlichung statt auf Konfrontation setzenden Kerneuropa, das nach Höherem zu streben habe: „Das avantgardistische Kerneuropa darf sich nicht zu einem Kleineuropa verfestigen; es muß – wie so oft – die Lokomotive sein.“ Als Adorno während eines Spiegel-Interviews darauf aufmerksam gemacht wurde, dass er laut Habermas die „schwärzesten Stellen“ seiner Dialektik dem „destruktiven Sog des Todestriebes“ überlassen habe, antwortete Adorno: „Ich würde eher sagen, dass der krampfhafte Hang zum Positiven aus dem Todestrieb kommt.“ Jenem krampfhaftem Drang zum Positiven entspricht der blinde Fortschrittseifer, der es Habermas und Derrida ermöglicht, nach Auschwitz auf eine Metapher zurückzugreifen, deren Gebrauch auf das Fortwesen des Grauens inmitten des demokratischen Jargons verweist.
Während die amerikanische Vergesellschaftung Individualismus und eigennütziges Interesse produziere, habe sich in Europa zwecks Bewältigung nachwirkender Klassenunterschiede „kollektives Handeln“ als normative Maxime durchgesetzt. Die „schmerzliche Erfahrung“ „sozialpathologischer Folgen kapitalistischer Modernisierung“ habe die Bürger eine größere Sensibilität für die „Paradoxien des Fortschritts“ entwickeln lassen. Die selbstkritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit befähige die Europäer zur immanenten Berücksichtigung moralischer Grundlagen der Politik. Auch die „zivilisierende Geltungsmacht des Staates“ werde gegenüber blindem Marktvertrauen bewahrt. Dass deutsches Denken, auch wenn es europäisch aufgemotzt wird, immer im „Staatsubjekt Kapital“ (Heinz Langerhans) mündet und dort auch seinen Ursprung hat, wird exemplarisch vorgeführt. Die Einfühlung des Subjekts in den Staat, der seinerseits die Realabstraktion der konkreten Einzelnen zu Staatsbürgern als dem Material verfügender Souveränität besorgt, ist die immerwiederkehrende Grundkonstante des notwendig falschen europäischen Fühlens. Habermas und Derrida entblöden sich nicht zu behaupten, dass die Europäer „einen ausgeprägten Sinn für die `Dialektik der Aufklärung`“ besäßen. Die schärfsten der Dialektiker konnte man letzten Sommer überall trikolorisierend zu Gesicht bekommen.
Mit welchem Recht die frei fließenden Glorifizierungen, die auch künftig als theoretische Grundlage kerneuropäischer Machtpolitik dienen werden, vorgetragen sind, behalten die Großraumdenker für sich. Dass der konstruierte Idealbürger mit den empirischen Einzelnen rein gar nichts zu schaffen hat, braucht die staatsaffirmativen Formdenker nicht zu stören, weil die Einzelnen ohnehin als austauschbares Beiwerk politischer Souveränität zu gelten haben und Kollektive in Habermas`scher Manier als historische Subjekte erscheinen: „Die Bevölkerungen müssen ihre nationalen Identitäten gewissermaßen
