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Geleitworte der Gruppe Morgenthau auf der Podiumsveranstaltung „Der Iran – Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer“ am 10.05.2008 an der Universität Frankfurt.
Bevor die anwesenden Referenten zu ihrem Schwerpunkt sprechen werden, möchte ich stellvertretend für das Vorbereitungsbündnis im Namen der Gruppe Morgenthau begründen, warum es überhaupt solcher Veranstaltungen sowie ihrer Begründung bedarf, wo doch das, was hier und heute geschehen soll, nämlich eine kritische Begutachtung des iranischen Staates und seiner europäischen Förderer, spätestens angesichts der wiederholten Vernichtungsdrohung des Mullahregimes gegen Israel selbstverständlich sein sollte.
Hier in Bockenheim aber, wo Revolutionsromantik noch über eine entwicklungspahsengerechte Gefühlswelt junger Menschen hinausgeht und als ghetto-spirit firmiert, in dessen Aura linke Studenten sich versichern können, dass sie, frei nach Jörg Sundermeier, nicht die letzten sind, weil die Verständigung auf primitive Formen des Dagegenseins an jeder Ecke gelingt, sind Veranstaltungen wie die heute stattfindende, ganz und gar unüblich. Innerhalb der hiesigen linken Gemeinde, in der vom wichtigtuerischen Linksradikalen bis zum antizionistischen Pfaffen alles zusammeneilt, sobald ein plakat- und massenkompatibler Feind als Vorwand für den nächsten Aufmarsch feststeht, gelten die Kritik des Islams, die Verteidigung Israels und die Forderung nach notfalls auch militärisch eingeleiteten regime-changes als unaushaltbare Zumutungen. Offensichtlich wird unter dem Krach solcher Zukunftsmusik längst kein vernünftiger Gedanke mehr entfaltet.
Vieles spricht dafür, die sich betont dissident Gebenden links liegen zu lassen und die Bockenheimer Bühne – mit ihren selbsternannten Hauptdarstellern – bloß noch als realsatirische Materialsammlung zu verwenden. Kein Mensch bräuchte sich um die antiimperialistischen Unglückserscheinungen aus traditionsreichen Autonomenbunkern zu scheren, niemand hätte ernsthaft das „Ums-Ganze“-Geprahle von antifaschistischen Jungpolitikern auseinanderzusetzen und keiner hätte die kurzzeitrebellischen Anwandlungen mehrheitlich linker Studenten zu beachten, wenn nicht die deutsche Linke seit eh und je als Stichwortgeber und Modernisierungsfaktor des gesamtdeutschen Projektes fungierte. Weil die Ideengeber des kulturrelativistischen und antiisraelischen Appeasements, die Anheizer eines unverbesserlichen Antikapitalismus und die Prediger volks-demokratischer Erweckung unbestreitbar als Linke zu Felde ziehen, kann es hin und wieder sinnvoll sein, die Kritik der deutschen Ideologie am Beispiel linksdeutscher Scheußlichkeiten zu entwickeln. Was selbstverständlich nicht bedeutet, dass Rechte, Parteikonservative oder andere Elendsverwalter in ihrer Verklärung herrschender Zustände zu verschonen sind.
Wer also die eben genannte Kritik äußert und darüber hinaus klug genug ist, sich gegenüber islamistischem Tugendterror und eliminatorischem Antisemitismus nicht auf kulturrelativistisch oder soziologisch gescheite Weise blöd zu stellen, kann gewiss sein, dass der empörte Widerruf auf dem Fuße folgt; mitunter in Form der Anklage, er schweife zu weitin die Ferne und übersähe dabei das Böse, das doch so nah liege. Konkret geht dieser Metapher voraus, dass sich die Frankfurter Gruppe sinistra! zur Verkündung der unfrohen Botschaft aufgeschwungen hat, um zu erklären, dass den unlieb gewordenen Antideutschen nunmehr abginge, den Mittelpunkt politischen Handelns in Deutschland zu sistieren. Wer den politischen Islam zum vorrangigen Gegenstand seiner Kritik mache und darüber hinaus Gemeinsamkeiten zwischen diesem und dem Faschismus oder gar dem deutschen Nationalsozialismus hervorhebe, relativiere die Singularität der Shoah und aktualisiere damit nur ein altbekanntes Muster projektiver Schuldabwehr. Durch angeblich unnützes „geopolotisches Raisonnement“ und „die beständige Konstruktion neuer Hitlers in der Welt“ leiste man lediglich dem „deutschen Normalisierungsdiskurs“ Vorschub. Wer sich also zur Demontage des radikalen Islam entscheide, so geben die Ermahner zu bedenken, der verliere aufgrund der Hinwendung zur „vermeintlich größten weltweiten Gefahr – dem Islamismus – den Blick auf das Land der Täterinnen und Täter“. So also wird’s gemacht, wenn die feschesten und gar antideutsch daherkommenden Begründungen für ein Beschweigen des islamischen Antisemitismus und seiner europäischen Förderer abzuliefern sind. Angesichts dieser Argumentation wage ich die zarte Nachfrage, wie ignorant man eigentlich sein muss, um die islamistisch angetriebene Vorbereitung der Vernichtung Israels zu übersehen oder als zweitrangig zu erklären, bloß weil die Aufrufe zum Judenmord nicht ausschließlich vor der eigenen Haustüre erschallen.Außer Frage steht, dass sowohl die Vernichtungsdrohungen eines Ahmadinedschad und seiner Gefolgsmeute als auch die Reden glühender Antizionisten ernst gemeint sind und deshalb eine reale Gefahr für die Existenz des Staates Israel und der dort Lebenden bedeuten. Von jedem, der sich nicht hat dumm machen lassen und sich den Antifaschismus nicht bloß als Abzeichen an den Arm zu binden gedenkt, sondern als praktische Kritik versteht, verlangt dies die Intervention gegen die Verharmlosung oder Relativierung der real existierenden antisemitischen Formationen. Den Meistern einer verkürzten Israelsolidarität, in der die bedrohlichsten Feinde Israels gar nicht mehr vorkommen, wird bis auf weiteres nicht begreiflich zu machen sein, dass ihre Rede Teil eines Diskurses ist, dessen Effekt darin liegen wird, tätigen Islamisten den Weg ins Mörderparadies freigequatscht zu haben.
Wer seinen Blick von der aufgemotzten Diskurswelt zur Tatsachenwelt senkt, der wird feststellen, dass der eliminatorische Antisemitismus nicht nur die Deutschen zur Tat schreiten ließ, sondern auch im politischen Islam den ideologischen Kern bildet. Bereits hier wird die innige Wahlverwandtschaft zwischen beiden sichtbar. Fakt ist auch, dass es mancher Regierung der islamischen Nachbarn Israels und deren Untergebenen mehr als klammheimliche Freude bereitet, die Phantasien über ins Meer getriebene Juden einer ignoranten Weltöffentlichkeit mitzuteilen und gegebenenfalls in Praxis umzusetzen. In Reinform spricht dies der iranische Präsident, der in seinen Führerreden die Ausmerzung des Weltzionismus befeuert und nicht damit hinterm Berg hält, dass er auch alle anderen „Affen“ und „Schweine“, Gottlosen, Ehebrecherinnen und Schwulen lieber tot als lebendig sähe. Die Alltagspraxis in umma-sozialistischen Kollektiven sieht so aus, dass die egalitäre Glaubensgemeinschaft dazu aufgerufen ist, körperlichen Genuss und Lustvolles zu unterbinden, Ehebruch, Homosexualität und offene Beziehungen zu denunzieren. Anders als hier, können in Gemeinschaften, die man partout nicht kritisiert wissen will, in Fällen öffentlich kundgetanen Protests oder Abweichung nicht Schulterklopfen vom studentischen Mitstreiter, sondern wahlweise Auspeitschung, Steinigung oder Aufhängen drohen. Innerhalb dieser Melange aus Dummheit und Wahn korrespondieren kollektiv zelebrierte Sanktionsbedürfnisse mit dem Pflichtbewusstsein eines aufgeheizten Mob, all jene ausfindig zu machen, die der kollektiven Zwangsmoral gegenüber entsagend in Erscheinung treten oder in Gestalt sittenwidriger Nestbeschmutzer ausfindig gemacht werden.
In Zeiten globalisierter Regression ist Politik als Versuch Schlimmerem Einhalt zu gebieten, gerade die Konsequenz einer auf ihre Bedingungen reflektierenden, an der Freiheit der Individuen orientierten Gesellschaftskritik, welcher der Schwätzer gerade deswegen untreu wird, weil er sie so gern im Munde führt. Wer sich also, den dialektischen Bescheidwisser markierend, weigert, den Unterschied zwischen “Westen” und “Islam”, den Unterschied zwischen marktvermittelter Konkurrenz und unmittelbarem Terror gegen die Individuen anzuerkennen und zu benennen, ist der Kollaboration mit der bandenförmigen Menschenschinderei schon näher als er meint. Entsprechend relativieren die einen den zur Tat drängenden Geschichtsrevisionismus von Ahmadinedschad und Co. unter Verweis auf die Singularität der Shoah, während die anderen – von Norbert Blüm über 25 Manifestler bis hin zum Rödelheimer Bündnis Zusammen e.V. – jeglicher Vernunft entrückt, den Spieß einfach umdrehen und es sich in der traditionell geschichtsrevisionistischen Halluzination eines israelischen Vernichtungskrieges gegen die Palästinenser bequem machen. So bringen sie den Antisemitismus in seiner zeitgemäßen, nämlich antizionistischen Form zum sprechen. Weder in Bockenheim noch sonstwo in old Europe wird dann derjenige, der kritische Worte zur zeitgenössischen Verfasstheit des Islams und dessen europäischen Pädagogen und Bewunderern formuliert und seine Solidarität mit den USA und allen Kräften, die zumindest gegen ihre eigenen Umschlagsprodukte Front machen, artikuliert, im antiamerikanischen und antizionistischen Konsens Gehör finden. Denn „Kriterium des Wahren ist nicht seine unmittelbare Kommunizierbarkeit an jedermann.“ Dies formulierte einst jener, dessen Schreibtisch man hier um die Ecke in einen Glaskasten setzte, und dessen Kritische Theorie durch Denkmäler, peinlichste Seminarangebote und Sonntagsreden in lokalpatriotischer Absicht platt gemacht wird.
Teile der hiesigen Einleitung sind unseren vorangegangenen Texten entnommen. Die Zitate der Gruppe sinistra! entstammen dem Text „Der Hauptfeind ist Deutschland“. Einsehbar in: „Phase 2 – Zeitschrift gegen die Realität“, Nummer 26/2008
