Erschienen in Prodomo – Zeitschrift in eigener Sache # 16-2012
„Was schal wird, geht auch leicht über.“ (Ernst Bloch)
Der Nationalsozialismus hat gezeigt, dass man die eigene Rückständigkeit in einen Vorsprung verwandeln kann, indem man ein antibürgerliches Kapitalverhältnis etabliert, das auf dem Kurzschluss von Gesetz und Gerücht basiert und es solchermaßen erlaubt, den Liberalismus zu überspringen. Er hat damit nicht nur demonstriert, dass Ähnliches unter vergleichbaren Bedingungen einer gescheiterten nachholenden Entwicklung an der Peripherie des Weltmarktes möglich ist, sondern auch, dass die Frage, ob die barbarischen Auswüchse eines mit dem Stande universeller Aufklärung unvereinbaren Glaubens entweder als archaische Relikte innerhalb der Moderne oder als Produkte ihres Misslingens zu fassen seien, am Kern des Problems vorbeigeht, weil das Veraltete mit dem Ressentiment, das die moderne Zivilisation gegen sich selbst hegt, nur allzu gut harmoniert. „Der Nationalsozialismus kann historisch ein Vorbild bedeuten“, notierte Horkheimer Ende der 50er Jahre. „Zu spät aber kam er in doppeltem Sinn. Er wollte mit Gewaltmitteln, wie heute die zurückgebliebenen Länder, die Proletariernationen, wie Hitler sagte, Amerika einholen, die gigantischen Fabriken, die neuen Städte, die Autostraßen, das Teamwork, die Skrupellosigkeit der alten Magnaten. Zum anderen und in einem damit ward durch ihn nachgeholt, was es auch anderswo seit langem gab, die bürgerliche Gesellschaft ohne Junkertum und radikale Arbeiterbewegung, den Eingriff des Staates in die Ökonomie. Der völkische Rausch sollte der Rationalisierung, dem wirtschaftlichen Erfolg und der Weltmacht zugutekommen. Roosevelt konnte die Krise mit dem New Deal bekämpfen, die deutsche Bourgeoisie hatte es mit Traditionen und Kommunisten zu tun, und dies war das social and cultural lag, das die letzte Karikatur der bürgerlichen Revolution, das Aufräumen im 20. Jahrhundert zum Abbild der Hölle werden ließ.“ [1]
Zweifellos gibt es heutzutage kaumeine Region auf der Welt, die nicht zumindest formell unter das Kapital subsumiert wurde, sodass alle traditionellen Bindungen ausgehöhlt und als Bedingungen seiner Reproduktion gesetzt sind. Gerade die Krise dieser Reproduktion wirft jedoch die Frage auf, welche der Gewohnheiten in der islamischen Peripherie es gestatten, die Einheit des Ganzen gewaltsam durchzusetzen und den Nationalsozialismus zu beerben. Um zu ermessen, was die konzertierte Vernichtungsaktion des antisemitischen Volksstaates durch das Staatsvolk der Antisemiten und der Furor islamistischer Selbstmord-Rackets verbindet, und was sie trennt, wäre folglich der Stellung nachzugehen, welche die Regionen innerhalb der internationalen Arbeitsteilung jeweils einnehmen. Der spezifischen Integration in den Weltmarkt liegt eine spezifische Konstellation von Tradition und Moderne und eine durch diese reaktivierte Tradition zugrunde – ein Zusammenhang, der so lange unerkannt bleiben muss, wie man sich darauf beschränkt, die Totalität des Weltmarktes zu beschwören und darüber eine Welt der identischen Fälle konstruiert.
Dass die kapitalisierte Gesellschaft sich nach Adornos Formulierung durch ihre Gegensätze hindurch reproduziert und aus dem Veralteten neue Kraft schöpft, gilt auch für das Verhältnis der auf dem Weltmarkt konkurrierenden Nationen. „Sie sind nicht bloß nebeneinander, erhalten vielmehr durch einander sich am Leben. [...] Inmitten der Tauschgesellschaft sind die vorkapitalistischen Rudimente und Enklaven keineswegs nur ein dieser Fremdes, Relikte der Vergangenheit: sie bedarf ihrer. Irrationale Institutionen kommen der hartnäckigen Irrationalität einer in den Mitteln, aber nicht den Zwecken rationalen Gesellschaft zustatten. Eine vom Naturalverband sich herleitende und in ihrer Binnenstruktur nicht durch den Äquivalententausch regulierte Institution wie die Familie dürfte ihre relative Resistenzkraft dem verdanken, daß ohne den Beistand ihrer irrationalen Momente spezifische Produktionsverhältnisse wie etwa die kleinbäuerlichen kaum fortbestehen könnten, die ihrerseits nicht zu rationalisieren wären ohne Erschütterung des bürgerlichen Gesamtgefüges.“ [2] Eben diesen Zusammenhang haben wir in unserem Beitrag zur Sozialpsychologie des islamisierten Subjekts zu erhellen versucht. Dass wir uns dabei auf die Geschichte und die lokalen Familienverhältnisse konzentriert haben, um den historischen wie auch den subjektiven Bedingungen der objektiven Irrationalität auf den Grund zu gehen, scheint bei manchen Lesern den Eindruck erweckt zu haben, wir wollten Gegenwärtiges mit längst Vergangenem gleichsetzen.
So behauptet Niklaas Machunsky in der vorangegangenen Ausgabe der prodomo, wir würden von einem „ungebrochenen Wesen“ des Islam sowie der ihm zugrunde liegenden Eigentumsverhältnisse ausgehen und die traditionelle Gestalt des Islam mit der durch und durch modernen, kapitalistischen Konstitution seiner gegenwärtigen Erscheinungsformen verwechseln. Von einem zeitlosen Wesen des Islam, einer ungebrochenen Kontinuität der Eigentumsverhältnisse, gar davon, dass die „Pathologie des islamischen Subjekts aus der privateigentumfeindlichen arabischen Steppenlandschaft abzuleiten“ sei, ist allerdings keine Rede. Auch die schwammige Behauptung, Privateigentum habe sich in Arabien bis heute nicht durchsetzen können, gibt die Pointe unserer Überlegungen nur ungenügend wieder. Um es klar und unmissverständlich zu formulieren: Der Islam Mohammeds ist weder mit dem des späten Mittelalters noch mit dem der Gegenwart identisch. Gleichwohl haben sich islamische Vorstellungen und Lebensweisen unter dem Eindruck der kapitalistischen Moderne als vergleichsweise hartnäckig erwiesen und über die Jahrhunderte hinweg immer wieder neue Attraktivität erlangt. Weil die Behauptung, wir würden von einem zeitlosen Wesen des Islam ausgehen, mit dem erklärten Versuch, die spezifische Synthesis von globalisiertem Kapital und traditioneller islamischer Herrschaftskultur erhellen zu wollen, augenscheinlich nicht zusammengeht, kreidet Machunsky uns dies als Widerspruch an. Vollkommen verwirrt ist er, wenn er meint, wir stellten die beiden Argumentationen als ein und dieselbe dar und seine Interpretation mit folgender Textstelle zu belegen versucht: „Die geistigen und libidinös-emotionalen Bearbeitungsformen von Ohnmacht und Krisen, die in der islamischen Peripherie und den weltweit verstreuten islamischen Biotopen vorherrschen, sind das Resultat der spezifischen Integration des Kapitals in das traditionelle System islamischer Lebenspraxis bzw. der durchs Kapital bedingten Transformation kultureller Gewohnheiten.“ „Beide Male“, kommentiert Machunsky, „ist das Kapital aktiv und der Islam passiv, doch einmal ist es das Kapital, das sich in den umfassenden Islam integriert, das andere Mal formt das Kapital den Islam nach seinen Erfordernissen. Während das erste Mal die Veränderung für den Islam eine Nebensache sein kann und das Kapital als eine bloße Zutat gedacht wird, ist es in der zweiten Variante die entscheidende, alles andere umbildende Größe.“ Abgesehen davon, dass Machunsky hier über dem Abwiegen von Zutaten schlicht und einfachgenitivus subiectivus und obiectivus verwechselt und nicht „das Kapital“ sich in „den Islam“ integriert oder diesen umformt, sondern kapitalisierte Subjekte es sind, die sich und ihre traditionelle Prägung mit den neuen Bedingungen zu arrangieren suchen, ohne dabei in ihren sozialen Funktionen aufzugehen, besteht das Neue der modernen Gesellschaft genau darin, von allen vorangegangenen Herrschaftsformen (Sklaverei, Patriarchat etc.) zu abstrahieren und diese zugleich in verwandelter Form zu integrieren. Obwohl ausdrücklich von einer Synthese von Islam und Kapital die Rede ist, beharrt Machunsky auf seiner Lesart, der zufolge wir von einem geschichtslosen Wesen des Islam ausgehen, dessen aktuelle Destruktivität nichts mit der Totalität kapitalistischer Vergesellschaftung zu tun habe. Die zugegeben fabelhafte Konstruktion, die Machunsky uns deshalb unterstellt, geht so: Weil wir nicht zwischen traditionellem Kollektivismus und moderner, dem Kapital entsprungener Barbarei zu differenzieren wüssten, kämen wir zu der irrigen Annahme, die Entwicklung des Westens habe diesen dorthin zurückgeführt, wo der Islam seit jeher in zeitloser Monotonie verharre. Der Islam bleibe in unserer Vorstellung „traditionell und still gestellt, aber gleichzeitig bewerkstelligt er die Verschmelzung von Aspekten des Glaubens mit einer Tendenz des Kapitalsprozesses, ohne, dass dies eine Bewegung oder Beziehung zu etwas anderem als sich selbst bedeuten würde. Implizit wird der Gedanke genährt, im Islam sei schon die Verfallsform des Kapitals angelegt“. Von einer „Synthese von Kapital und Islam“ könne folglich „kaum die Rede sein, eher von einer Kluft, über die hinweg beide sich punktuell [...] treffen.“ Nun mag es sein, dass wir dieses Missverständnis mit der einen oder anderen unscharfen Formulierung begünstigt haben. Alles in allem kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass Machunsky mit seiner Interpretation hermeneutisch unterhalb der Totalität unseres Textes verbleibt. Wir möchten unsere Überlegungen daher im Folgenden präzisieren und zeigen, inwiefern dieses Missverständnis Methode hat.
Vorwärts in die Vergangenheit
Richtig ist, dass wir im Anschluss an Marx und Engels im Privateigentum den Schlüssel zur Beantwortung der Frage vermuten, warum die Geschichte des Orients bis zum heutigen Tage als Geschichte der Religion erscheint. [3] Während Machunsky die Tatsache, dass sich der Beginn der kapitalistischen Akkumulation in Europa und nicht in der islamischen Welt ereignete, im Rahmen einer Podiumsdiskussion in Halle kurzerhand auf das Fehlen des christlichen Trinitätsgedankens zurückführte und Maxime Rodinsons Überlegungen damit auf den Kopf stellte, haben wir den Mangel rechtsstaatlich verbürgter Verfügungsgewalt über privates Vermögen, die Lösung des gegenständlichen Besitzes und der leiblichen Freiheit aus der Umklammerung souveräner Willkür als einen zentralen Faktor ausgemacht. Der sprichwörtliche Stillstand in der arabischen Welt ist demnach weder einfach auf den Einfluss des (Neo-)Kolonialismus noch auf den der Religion zurückzuführen. Die wirtschaftliche und militärische Vorherrschaft Europas, die mit der Blüte der italienischen Handelsstädte und der Eroberung Amerikas einsetzte, reproduzierte die ungleichen Voraussetzungen, aus denen die Dominanz erwuchs – wenn auch in neuer Form. Der Islam übernimmt dabei vor allem die Aufgabe, den – durch konformistische Revolten immer wieder erneuerten – Stillstand zu sakralisieren. Nicht von ungefähr gleicht das Verhältnis der Untertanen zu ihrem Souverän der unterwürfigen Haltung, welche der fromme Muslim zu Allah einzunehmen pflegt, um in den verheißenen Genuss paradiesischer Wonnen zu gelangen. [4] Das Schicksal des Privateigentums ist, mit Marx zu reden, „der wirkliche clef selbst zum orientalischen Himmel.“ [5]
Ob man die Tradition des orientalischen Despotismus nun mit Marx, Engels und Wittfogel in den hydraulischen Gesellschaften Ägyptens und Mesopotamiens und ihrem Zwang zur zentralstaatlich organisierten Wasserversorgung verortet oder mit Ibn Khaldun und Diner auf einen abgehobenen, bürokratisch organisierten Zentralstaat in von Trockenheit und Nomadismus geprägten Zonen zurückführt, Mitte des 20. Jahrhunderts kehrte die Region zu ihren politischen Ursprüngen zurück. Nachdem der Imperialismus im 19. Jahrhundert das Schicksal der orientalischen Staates weitgehend besiegelt und das einheimische Bürgertum sich nach dem ersten Weltkrieg politisch durchgesetzt hatte, um parlamentarische Systeme und konstitutionelle Monarchien nach europäischem Vorbild zu installieren, entstanden – wie in Ägypten unter Nasser – stark bürokratisierte, interventionistische Staaten mit hoher Machtkonzentration in den Händen präsidentieller Herrscher (Syrien, Irak, Algerien, Libyen, Nord-Jemen). [6] Dies änderte sich, als unter dem Eindruck der Energiekrise Anfang der 70er Jahre eine Allianz zwischen den neuen Eliten der Erdölstaaten und den ausländischen Industrienationen entstand. Hinter einer modernen Fassade entwickelte sich eine der politischen Tradition vergleichbare neo-patrimoniale Herrschaftspraxis, die auf eine Synthese des von den lokalen Modernisierungsregimes etablierten Staatskapitalismus und der Rentenökonomie der Erdölstaaten basiert. Die heutigen Einnahmen aus dem Ölgeschäft fungieren dabei als moderne Äquivalente der einst durch absolute Macht abgeschöpften Tribute. Sie liefern dem Staat Ressourcen, die willkürlich verwendet werden können. Sinkende Erdölpreise verursachten ab Mitte der 80er Jahre indes finanzielle Einbußen. Nachdem große Teile der Bevölkerung sich in ihren Hoffnungen enttäuscht sahen und das Vertrauen in die von oben angeleitete Entwicklungspolitik, welche die traditionellen Bindungen unterminierte und der überkommenen Geschlechterordnung die ökonomische Grundlage entzog, verloren hatten, drängten die Islamisten sich als Ersatzfamilien auf, indem sie die traditionellen Verpflichtungen auf die Gemeinschaft der Gläubigen ausdehnten. Unter der Parole „Der Islam ist die Lösung“ treten sie seither als Mischung aus Ersatz-Souverän und Großfamilie in Aktion. Sie füllen das Vakuum, das zwischen den unterminierten traditionellen Loyalitätsbeziehungen und einem autoritären aber wohlfahrtspolitisch abwesenden Staat entstanden ist. Ohne ein vergleichbares Industriepotential im Rücken und relativ unabhängig vom jeweiligen Gewaltmonopol erledigen sie auf eigene Faust, was die mit dem Staat verschweißte deutsche Volksgemeinschaft vorexerzierte. Während der Nationalsozialismus noch gewaltige Massen von Arbeitern integrieren musste, um seine Todesindustrie in Gang zu setzen, kann sich die schlanke Vernichtung der Selbstmord-Rackets mit dem begnügen, was die Familien an menschlichem Zerstörungspotential bereithalten. Im Anschluss an die Überlegungen Ruth Steins und Marokh Charliers haben wir zu zeigen versucht, wie die (prä-)ödipale Dynamik dem Angebot der Islamisten zuarbeitet. [7] Die verliebte Hörigkeit, mit welcher insbesondere der Sohn sich dem Willen des Vaters zu unterwerfen genötigt ist, gleicht dabei dem Klientelwesen arabischer Staaten. Der kulturell entwerteten Mutter, die ihren Sohn narzisstisch inthronisiert und dem autoritären Vater, der die Ich-Entwicklung des Sohnes behindert, indem er sich an die Stelle seines Ich-Ideals setzt, entspricht dem Charakter des orientalischen Staates, der seine Stärke aus dem durch den Energiebedarf fremder Industrienationen vermittelten Ölreichtum von Mutter Erde bezieht und auf dieser Grundlage eine autoritäre Herrschaft errichtet, der die Untertanen sich anzudienen gezwungen sind.
Während der Traditionalismus das Alte als Lösung der modernen Probleme empfiehlt und dadurch, dass er es mit Gewalt zu restaurieren sucht, zerstört, überlebt Tradition nach Adorno in ihrer eigenen Antithese: „Im Ungenügen am Überkommenen regt sich der Wille, die Versprechungen einzulösen, die es erhebt und nicht erfüllt, so wie der Sohn, der durch Identifikation mit dem Vater zum Ich wurde und in dieser Identifikation sein Gewissen ausbildete, es gegen ihn wendet, sobald er erkennt, daß die Welt der Väter die Normen verletzt, die sie verkündet.“ [8] Eben diese Dialektik, die es gestattet, den Wahrheitsgehalt der im Über-Ich sedimentierten Normen gegen ihre widersprüchliche Praxis zu retten, wird unter den Bedingungen einer in die Krise geratenen, aber unter der orientalischen Despotie fortwesenden und wiederbelebten Tradition von vornherein die Grundlage entzogen. Der Widerspruch zwischen den Idealen des freien und gleichen Tauschs und der „Despotie der Fabrik“ (Marx), der sich insbesondere dem Nachwuchs der Proletarisierten durch die Eltern mitteilte, und der sich auf die Schicht der Unternehmer in dem Maße ausdehnte, wie diese von der ökonomischen Entwicklung in der Verfügung über ihr Eigentum beschnitten wurden, erhält in den islamisch geprägten Gesellschaften des Vorderen Orients eine besondere Ausprägung, da die Verfügungsgewalt über das eigene Vermögen und die Entwicklung von persönlicher Autonomie von Anbeginn durch die Machtfülle des Staates und die patriarchalisch strukturierten Familienverhältnisse gelähmt werden, sodass die Einzelnen sich aus ihrer Position als Unterstützungsempfänger und Gefolgsleute nie richtig zu emanzipieren vermochten. Von daher sind wir zu dem Ergebnis gekommen, das die relativ unbehelligte Verfügung über privates Eigentum und seine Reflexionsform, das bürgerliche Individuum, bis zum heutigen Tag vor dem Zugriff souveräner Willkür bedroht und daher schwach geblieben sind. Eben darin liegt die Kontinuität innerhalb des Diskontinuierlichen, welche der dem Kapitalverhältnis innewohnenden Tendenz, in die offene Barbarei umzuschlagen, entgegenkommt und die sekundäre Archaik des Kapitals mit der primären des Islam verkuppelt. Man kann folglich mit Recht sagen, was dem linearen Geschichtsbewusstsein des gesunden Menschenverstands widerstrebt: dass es im Orient streng genommen keine Geschichte gegeben hat, die Einzelnen am Aufstieg und Verfall des Individuums nicht in einer vergleichbaren Weise teilhatten und die bürgerliche Epoche gleichsam übersprungen wurde. [9] Diese Kontinuität innerhalb des Diskontinuierlichen, die das Veraltete zum Ultramodernen macht, ist es, die wir herausstellen wollten.
Verdammt lang her
Mit Bloch lässt sich das Problem, auf das wir hingewiesen haben, auch als das einer „mehrschichtigen Dialektik“ beschreiben. Was dieser Anfang der 30er Jahre über Deutschland schrieb, dass das „Bauernhaus trotz aller kapitalistischen Formen, trotz aller Konfektion und Stadtware, heute noch in Grundriß und Aura gotisch“ sei, sodass man sogar „die aufgegebenen Trachten und Möbel wieder an die alte Stelle setzen [könnte], ohne dass dies, wie in der Stadt, butzenscheibenhaft wirkte“, dass abgelegene Orte besonders lehrreich wirken, weil sie „kulturelles Grundwasser“ zeigen, „das anderswo nur tiefer liegt“, dass die Unsicherheit der Mittelschicht „bloß Heimweh nach Gewesenem als revolutionären Antrieb erzeugt“ und „mitten in der Großstadt Gestalten, wie man sie seit Jahrhunderten nicht mehr sah“, gilt strukturell auch für die vom Islam geprägte Peripherie. Auch hier „erfindet das Elend nichts oder nicht alles, sondern plaudert nur aus, nämlich Ungleichzeitigkeit, die lange latent oder höchstens eine von gestern schien, nun aber über das gestern hinaus in fast rätselhaftem Veitstanz sich erfrischt.“ [10] Bloch hat diesen Zusammenhang bereits sehr früh registriert und gesehen, dass die Wirtschaftskrise dem Nationalsozialismus unter anderem Antriebe aus vorkapitalistischen Zeiten und noch tieferen Ebenen zuführte: „Aufstände älterer Schichten gegen die Zivilisation kannte man in dieser dämonischen Form bisher nur im Orient, vor allem im mohammedanischen. Ihr Fanatismus kommt jetzt auch bei uns, immer noch, den Weißgardisten zugute; solange die Revolution das lebende Gestern nicht innehat und umtauft. Mit dem Rückgang Hitlers wird vielleicht auch das Ungleichzeitige schwächer scheinen: jedoch es bleibt als Keim und Grund der nationalsozialistischen wie jeder künftig heterogenen Überraschung.“ [11] Abgesehen von den ungleichen Vorraussetzungen, die dafür sorgten, dass die Länder der Dritten Welt später und unter ungünstigeren Bedingungen in die Dynamik des kapitalistischen Weltmarktes hineingezogen wurden, wird der „gleichzeitige Widerspruch“ spätkapitalistischer Vergesellschaftung vom „ungleichzeitigen Widerspruch“ einer unerledigten Vergangenheit unterströmt und mit dessen Hilfe in eine konformistische Revolte verkehrt. Niemals wäre, so Bloch, die „gestaute Wut“ als subjektiver Ausdruck dieses ungleichzeitigen Widerspruchs einer in ihrem Wahrheitsgehalt unabgegoltenen Vergangenheit „so scharf, der objektiv ungleichzeitige Widerspruch so sichtbar, bestünde kein objektiv gleichzeitiger, nämlich der in und mit dem heutigen Kapitalismus selbst gesetzte und wachsende. [...] Nur wird der ungleichzeitige Widerspruch, ist er auch durch wachsende Verelendung, Zersetzung, Entmenschung im Schoß des Spätkapitals durch das Unertragbare seiner objektiv gleichzeitigen Widersprüche freigesetzt, dem Kapital, als ungleichzeitiger, vorerst nicht gefährlich. Im Gegenteil, das Kapital gebraucht das ungleichzeitig Konträre, wo nicht disparate zur Ablenkung von seinen streng gegenwärtigen Widersprüchen; es gebraucht den Antagonismus einer noch lebenden Vergangenheit als Trennungs- und Kampfmittel gegen die in den kapitalistischen Antagonismen sich gebärende Zukunft.“ [12]
Machunsky ist zuzustimmen, wenn er in Blochscher Manier hervorhebt, dass das „Gleichzeitig-Ungleichzeitige, das gegenwärtig Überholte […] innerhalb der kapitalistischen Totalität von dieser funktionalisiert“ werde und gerade dadurch über die Gegenwart hinausweise, so wie die Demokratie in Europa sich „nicht nur aus der Erinnerung an die helle Antike, sondern auch aus der realen Ungleichzeitigkeit z.B. der germanisch-alemannischen Tradition“ speiste. Diese mehrstimmige Dialektik wird bei ihm allerdings immer wieder vom Generalbass der Totalität übertönt. So erscheint die dem Weltmarkt entspringende Barbarei im trügerischen Gewand des Altehrwürdigen, verschleiert sich als wahre Religion, hat mit dessen traditioneller Gestalt aber im Grunde nichts zu tun. Der Islam ist dergestalt nicht mehr wiederzuerkennen. Die Vergangenheit ist – mit Ausnahme weniger abgeschiedener Orte – tot und nur mehr von historischem Interesse. Sie dient dem modernen Elend lediglich als Maskerade. Kein Muff mehr unter den Trachten, der sich mit der Fäulnis der Gegenwart zu einem explosiven Gemisch verbinden könnte. Eine solche Deutung vermag zwar zu erklären, warum der Islam auch in westlichen Großstädten Zuspruch findet, nicht jedoch das verbreitete Einverständnis, das zwischen Schriftgelehrten, Hasspredigern und dem einfachen Gläubigen herrscht. Dass „die Ordnung, die 1789 als fortschrittliche ihren Weg antrat, von Beginn an die Tendenz zum Nationalsozialismus in sich [trug],“ bedeutet überdies nicht, dass der Umschlag bereits damals genauso wahrscheinlich war wie zu jedem Zeitpunkt danach. Der Nationalsozialismus trat nicht zufällig auf den Plan, als das private Eigentum „sich überlebt“ hatte und an Stelle der juristischen Eigentümer die „hohe industrielle Bürokratie“ [13] über den physischen Besitz zu verfügen begann. Doch davon erfährt man in Machunskys Beitrag ebenso wenig wie von der Tatsache, dass der Faschismus seine Herrschaft auf dem schwankenden Fundament eines ökonomisch verunsicherten Autoritarismus’ patriarchalischer Prägung errichtete – einer Konstellation, die Horkheimer und Adorno zu ihren Studien zur Autoritären Persönlichkeit veranlasste. Umso verwunderlicher, dass der geschichtsphilosophische Spürsinn, mit dem Machunsky den Faschismus bereits im Anfang der bürgerlichen Gesellschaft angelegt findet, an deren Grenze schlapp macht. Fraglos, der Versuch, die Überbleibsel der gescheiterten Modernisierungsversuche zu beseitigen, führt nicht zurück ins Paradies einer verklärten Vergangenheit, sondern befreit die moderne Herrschaft von den Hemmungen, die sie, wenn auch prekär, von vorkapitalistischen Formen immerhin unterscheidet. Insofern vollstreckt der Islamismus lediglich die negative Dialektik des Kapitals. Andererseits bleiben die Islamisten gerade darin der Tradition treu. Denn der Islam trat seinen Siegeszug bereits ursprünglich als nachholende Entwicklung an, welche die vorislamische Zeit ins Reich der Dunkelheit verbannte. Kurzum: Auch die Ordnung, die 622 ihren Weg als fortschrittliche antrat, trug von Beginn an die Tendenz zum Islamismus in sich. Vom modernen politischen Islam fällt Licht auf den instrumentellen Charakter der Tradition, darauf, dass die alten Überzeugungen „nicht bloß als Lenkungsmittel der Völker funktionierten, sondern als Gängelband ursprünglich schon gemeint waren.“ „Im Grunde,“ so Horkheimer, „sind sie schon so synthetisch, gekünstelt, manipulatorisch wie die kitschigen Sekten
